Favela auf dem Laufsteg

Entgrenzung: Bei einem Modeworkshop inszenieren Jugendliche aus der Rocinha die Favela als Fashion-Objekt – und leben Vielfalt und Kreativität.



Bunte Ziegelhäuschen überall: auf Handtaschen und T-Shirts, schick geschnittenen Kleidern und Streetwear. Die Favela hat an diesem Abend ihren großen Auftritt – junge Models tragen die typischen Häuschen des Armenviertels Rocinha in Rio de Janeiro stolz über den Laufsteg.

“Favela ist nicht nur Armut”, sagt William Lopes nach der Show, die Augen noch voller silberner Schminke. “Rocinha ist der Big Apple von Rio de Janeiro, ein bisschen wie New York, Paris oder Tokyo – als größte Favela Lateinamerikas ist die Rocinha ein Wahrzeichen, und hier ist immer etwas los.”

Model und Aktivist Will Lopes: "Grenzen einreissen." (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)
Model und Aktivist Will Lopes: “Grenzen einreissen.” (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)

Barrieren einreißen – mit Kunst

Die Kollektion “Rocinha de Promessas” ist bei einem Workshop in der “Casa de Arte da Rocinha” entstanden, einem kleinen Laden am Fuß der Favela – und einem Zentrum für Mode und Kunst.

Monatelang haben die jungen Modebegeisterten, die fast alle auch in der Rocinha leben, an den Kleidern gearbeitet – und dabei gelernt, Designs zu entwerfen, zu schneidern, sich wie Models zu bewegen, entdeckt, wie viel Kreativität in ihnen steckt.

“Mit Kunst kann man Barrieren einreißen, wie Vorurteile oder Armut”, sagt José Luiz Summer von der “Casa de Arte da Rocinha”. “Kunst kennt keine Grenzen.”

Model als Traumberuf

Marina Lima Moura, eine hübsche 16-Jährige aus der Mode-Gruppe der Rocinha, würde gerne auch professionell den Sprung in die Modewelt schaffen: “Model zu werden ist mein Traum”, sagt die Schülerin. “Man kann viel Geld verdienen und es macht Spaß.”

Doch ihr Wunsch ist eine schwierige Herausforderung: “Wenn du aus der Favela kommst, schaffst du es fast nicht”, sagt sie. “Egal ob du schwarz bist oder weiß.”

Ihr fehlen die guten Kontakte – und Mädchen aus der Südzone, mit mehr Geld, könnten in Sao Paulo von Modeagentur zu Modeagentur und zu Castings reisen, um sich zu präsentieren.

Rocinha: Favela als Mode-Accessoir (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)
Rocinha: Favela als Mode-Accessoire (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)

Vielfalt zeigen

William Lopes wäre für eine Modelkarriere zu klein. Doch der 19-Jährige träumt gar nicht vom Laufsteg – für ihn sind Modeln und Mode vor allem eine Möglichkeit, Gesicht zu zeigen, auch die Vielfalt zu zeigen, die in der Favela existiert.

Er selbst hat eher indigene, fein geschnittene Gesichtszüge, manche der jungen Mädchen und Männer haben helle Haut, manche schwarze, manche sehen eher mexikanisch oder europäisch aus – eine spannende Mischung.

“Es gibt so unglaublich viel Potential hier”, sagt William Lopes, der sich auch in der Bildungsarbeit engagiert und Theater spielt. “Und über Kunst und Kultur können wir ausdrücken, wer wir sind.”




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