Zu Gast im Township

Ingwerbier, Xhosa und Wellblechhütten: Mit dem Township-Tourismus öffnen sich die Armensiedlungen Südafrikas. Jenny Housdon spaziert mit internationalen Gästen durch Khayelitsha – weiße Südafrikaner sind selten dabei.


Das Elend ist leicht zu finden in Khayelitsha, Kapstadts größter Township: Zusammengepferchte Barackenlandschaften aus Wellblech, Pappe, Plastik und Holz, in deren Nähe giftiger Industriemüll im Boden versickert; sandige Straßen; Gangs, die sich gegenseitig bekriegen und die Bewohner der Townships ausrauben, eine Mob-Justiz, die einspringt, wo das staatliche Rechtssystem versagt.

Hinter den Bergen: Immer mehr Besucher wollen auch das "andere" Kapstadt sehen. (Foto: Buzzingcities/Sonja Peteranderl)
Hinter den Bergen: Immer mehr Besucher wollen auch das “andere” Kapstadt sehen. (Foto: Buzzingcities/Sonja Peteranderl)

Von all dem Elend in den Armensiedlungen berichten auch die südafrikanischen Zeitungen fast jeden Tag – doch Jenny Housdon möchte den Besuchern, die sie bei Township-Touren nach Khayelitsha bringt, auch die anderen Seiten des Townships zeigen: die Lebensfreude, Gastfreundschaft, Kultur – und die Vielfalt.

Wilde Mischung: Arme und Aufsteiger

„Khayelitsha ist eine Mischung aus Alt und Neu, formell und informell, Leuten mit mehr Geld und Armen“, sagt Housdon. Sie fährt mit dem Auto an Tausend von abenteuerlich zusammengezimmerten Wellblechhüten vorbei, dann geht das Gewimmel plötzlich in eine Neubausiedlung mit kleinen Häusern über. “Das ist das Beverly Hills von Khayelitsha”, erklärt sie. “Die Häuser haben sich Leute, die mehr verdienen, mit Krediten gebaut.”

Etwa eineinhalb bis zwei Millionen Menschen, etwa die Hälfte der Kapstädter Bevölkerung, leben in Khayelitsha, schätzt Tourguide Housdon. Während der Apartheid siedelten sich schwarze Südafrikaner auf den sandigen Ebenen am Rand von Kapstadt an, da sie nicht im Stadtzentrum leben durften – aber auch heute noch strömen immer neue Zuwanderer vor allem aus dem Ostkap nach Khayelitsha, die in Kapstadt nach Arbeit suchen.

Hütten in Khayelitsha (Foto: Buzzingcities.com/Sonja Peteranderl)
Spaziergang auf Sand: Nebenstraßen in Khayelitsha (Foto: Buzzingcities.com/Sonja Peteranderl)

Regierung und NGOs ziehen zwar Sozialbauten hoch, doch die Nachfrage bleibt größer als das Angebot an Wohnraum. “Und es gibt Bereiche, in denen es zwar Elektrizität gibt, aber zu wenige Wasserhähne und Toiletten. In anderen Abschnitten fehlen dann wieder andere Dinge”, sagt Jenny Housdon.

Barrieren abbauen

Viele Weiße empfinden die Townships als No-Go-Area, und tatsächlich sollten Fremde sich einen Begleiter suchen – jemanden, der sich auskennt und auch weiß, welche Ecken gefährlich sind. Als weiße Südafrikanerin, die sich immer wieder in die Townships wagt, ist Housdon in Kapstadt ein rares Exemplar. “Die Leute fragen mich ganz oft, ob ich Ausländerin bin”, sagt sie.

2002 kam sie zum ersten Mal mit einem Arbeitskollegen nach Khayelitsha – und war fasziniert von der Atmosphäre, der Offenheit der Menschen dort. Nach weiteren Besuchen entstand die Idee, Touristen in die Township zu bringen – um Barrieren und Klischees abzubauen, aber auch um durch den Tourismus eine Einkommensquelle für die Township-Bewohner zu schaffen.

Manche Gäste kaufen bei den Touren in den lokalen Shops Kunst oder Lebensmittel ein, spenden nach dem Besuch an Schulen oder soziale Projekte und übernachten in einer der familiengeführten Township-Herbergen. Die meisten Township-Kinder haben sich inzwischen daran gewöhnt, immer wieder mal einem “uMlungu”, einem Weißen, in der Township zu begegnen.

"Hallo uMlungo": Viele Kinder kennen inzwischen weiße Besucher. (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)
“Hallo uMlungu”: Viele Kinder kennen inzwischen weiße Besucher. (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)

Den Alltag in der Township erleben die Gäste bei der Township-Tour bei Jennys Ersatzfamilie auf dem Sofa. Mutter Gwen hat sich lange in der lokalen Politik engagiert, hat viel zu erzählen. Während des Gesprächs schlürfen die Gäste ein selbstgebrautes Ingwerbier – ohne Alkohol. Auch Kriminalität kommt zur Sprache. “Die Polizei kümmert sich um nichts. Ich habe aber keine Angst hier”, sagt ihr Sohn. Sorgen macht er sich eher um seine Zukunft: “Ich weiß nicht, wie ich einen Job finden soll.”

Gespräche auf der Straße

Beim Spaziergang durch die Township treffen die Besucher auf Teenager, den Besitzer einer kleinen Bar, Musiker, kleine Kinder, die es witzig finden, wenn die Touristen versuchen, die Klicklaute der Xhosa-Sprache nachzuahmen. Schnell ergeben sich Gelegenheiten, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Pampersgang: In Townships rennen überall Kinder herum (Foto: Buzzingcities.com)
Pampersgang: In Townships rennen überall Kinder herum (Foto: Buzzingcities.com/Sonja Peteranderl)

Eine junge Frau wäscht vor ihrer Wellblechhütte Kleidung in einer rostigen Wanne, auch sie ist aus dem Ostkap nach Khayelitsha gezogen. “Wir haben Glück”, sagt sie. “Mein Mann hat einen Job gefunden und er vertrinkt das Geld nicht.” Sie selbst versucht immer wieder in Kapstadt eine Anstellung als Hausmädchen zu finden – bisher ohne Erfolg.

In Khayelitsha zu leben sei besser als im Ostkap, findet sie. “Aber wenn es dunkel wird, bleibe ich mit meinem Kind drinnen”, sagt sie. Die Straßenlichter auf dem Sandweg vor ihrem Haus sind ausgefallen, und aus der Bar gegenüber stolpern immer wieder Betrunkene durch die Dunkelheit.

In einer Vorschule um die Ecke üben kleine Kinder Schreiben und Singen. “Keine Schule. Keine Arbeit. Kein Geld. Keine Zukunft”, skandiert die Klasse im Chor. “Also schnell in die Schule – lernen, lernen, lernen.”

Kaum Südafrikaner

“Viele stellen sich die Townships ganz anders vor, als sie sind”, sagt Jenny Housdon. “Und merken bei der Tour, dass die Armut nicht überall total schrecklich ist, und dass die Menschen hier sehr offen und freundlich sind.” Für internationale Kapstadt-Touristen zählt eine Township-Tour inzwischen fast zum Standardprogramm – etwa jeder Vierte macht einen Abstecher in die Armenviertel der Stadt.

Als Soweto, die berühmteste Townshipsiedlung Johannesburgs um 1995, kurz nach dem Ende der Apartheid, begann Touren zu offerieren, ging es vor allem darum, die schlechten Lebensbedingungen der Schwarzen unter dem Apartheidsregime zu offenbaren.

Heute sollen die Township-Touren eher eine gegenseitige Annäherung erleichtern, Barrieren und Klischees brechen, die immer noch vorhanden sind.

„Südafrikaner habe ich ganz selten bei meinen Touren dabei“, bedauert Jenny Housdon. Einmal nahm eine weiße Südafrikanerin an einer Tour teil, die sich wohl selbst eine Schocktherapie aufzwingen wollte – denn sie war gekidnappt und in eine Township entführt worden. „Nach der Tour hat sie gesagt, sie habe nette Menschen getroffen – und würde jetzt auch wieder in eine Township gehen, ohne Angst.“




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