Born Free Generation

Eigentlich sollte die Hautfarbe keine Rolle mehr spielen – trotzdem spüren sie, wie ihr Land noch heute mit den Folgen der Apartheid kämpft. Drei junge Südafrikaner erzählen vom Aufwachsen in der Township, von ihrem Aufstiegswillen und der Ignoranz in Nobelvierteln.

In der Schule lernten die Kinder nach Hautfarbe getrennt und bei Massenprotesten erschoss die Polizei schwarze Studenten – solch grausame Geschichten kennen junge Südafrikaner meist nur aus Geschichtsbüchern oder von ihren Eltern, auch wenn es noch immer blutige Aufstände gibt, wie während der vergangenen Wochen in den Platingrube Marikana.

Die sogenannte “Born Free”-Generation hat die große Zeitenwende Südafrikas verpasst: Als Nelson Mandela 1994 zum ersten schwarzen Präsident gewählt wurde, waren sie Kleinkinder, Babys – oder noch gar nicht geboren. Die Post-Apartheid-Kinder wuchsen in einem Staat auf, der versucht, sich als vielfältige Regenbogennation und als afrikanisches Musterland zu präsentieren. Als ein Land, in dem Kinder aller Hautfarben gemeinsam zur Schule gehen und die gleichen Chancen erhalten sollten. Eine Illusion?

Drei junge Menschen erzählen von ihrem Leben in Südafrika: Wewe Sokoyi, 24, lebt in Khayelitsha, dem größten Armenviertel Kapstadts. Ayrton Farao, 23, arbeitet vor allem an seinem Aufstieg und die 24-jährige Julia Taylor ist in einer privilegierten, weißen Welt aufgewachsen – und war geschockt als sie merkte, dass südafrikanischer Alltag ganz anders aussehen kann.




Wewe Sokoyi, 24: “Wir sind eine verwirrte Generation”

Als Wewe Sokoyi, 24, durch Deutschland reiste und durch Rio de Janeiro übernachtete sie in Hotels. Zu Hause, in Khayelitsha, dem größten Armenviertel Kapstadts, lebt sie in einer Blechhütte.

“Ich möchte das Leben der Menschen hier verändern”, sagt sie. Deswegen arbeitet sie neben ihrem Psychologie-Studium für Amandla Edu Football, einer Organisation, die Kindern und Jugendlichen aus Khayelitsha durch den Fußball neue Perspektiven ermöglichen will.

Wewe Sokoyi lebt in der Township Khayelitsa (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl).
Wewe Sokoyi lebt in der Township Khayelitsa (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl).

Wewe kennt das Leben in der Township, schließlich ist sie selbst dort aufgewachsen. Sie spricht Englisch, Afrikaans und die lokale Sprache Xhosa. Das macht sie bei der Fußballorganisation begehrt und bei den Kindern beliebt. Als Programm-Managerin für Fußballvereine reist sie für Weiterbildungen um die Welt. Sie gilt als Nachwuchskraft, eine junge Frau, die aus der Township kommt und für den Aufstieg kämpft.

“Alle denken, du stirbst in Khayelitsha”

Ihre Hände hat sie in die Hosentaschen vergraben, die Dreadlocks zusammengebunden, sie geht über den Rasen, kontrolliert die Spieler, gibt Tipps, scherzt, lacht. Manche Kinder und Jugendliche spielen barfuß, andere auf Socken. Hier zählen nicht Talent und Ausstattung, sondern Motivation.

Um das Feld reihen sich Hütten aus Wellblech, Wäsche baumelt am Drahtzaun, Musik dröhnt aus den Häusern und kleine Jungen schießen einen delligen Ball über einen Sandweg. Die Startbedingungen könnten besser sein. “Darum werden die Kinder anfällig für andere Dinge”, sagt Wewe. Gangs beispielsweise.

Die Townships sind ein Erbe der Apartheid: Schwarze Südafrikaner wurden in Siedlungen außerhalb des Stadtzentrums verbannt – wie nach Khayelithsa, wo etwa 1,5 Millionen Menschen leben. Sehr viele von ihnen sind arm oder arbeitslos, Jugendbanden lungern auf der Straße herum, nach Sonnenuntergang trauen sich viele Bewohner nicht aus dem Haus.”Alle denken, du stirbst in Khayelitsha – ja, du kannst sterben, weil du krank bist, weil du ausgeraubt wirst, und Khayelithsa ist der Ort mit der höchsten Kriminalität, aber ich liebe ihn”, sagt Wewe.

Sie wohnt mit ihrer älteren Schwester in einer Wellblechhütte, die bei Regen und Sturm schon einige Male zusammengebrochen ist. Im Haus daneben wohnt ihre Mutter mit fünf weiteren Kindern. Das Haus bekam sie von der Regierung, die südafrikanische Variante sozialen Wohnungsbaus.

Wewe fühlt sich durch die Vergangenheit gestärkt

“Meine Eltern haben die Diskriminierung der Apartheid erlebt, sie mussten Schule und Job aufgeben”, sagt Wewe. Auch heute gebe es noch Diskriminierung, aber nicht immer und überall.

Für Südafrika sei es schwer, die Apartheid zu bewältigen. Sie selbst fühle sich durch diese Vergangenheit aber auch gestärkt und motiviert: Die Geschichte macht ihr bewusst, welche Chancen sie heute hat. “Es hilft mir, eine bessere Person zu werden”, sagt Wewe, “hat mich auch zu dem gemacht, was ich heute bin: eine starke, mutige Frau.” Ob andere in ihrem Alter auch so denken? “Viele interessieren sich für Mode und haben vergessen, woher sie kommen”, sagt sie. “Ich habe das Gefühl, wir sind eine verwirrte Generation.”

Das Leben in Khayelisha ist oft hart, aber gerade deswegen halten die Menschen stärker zusammen. Zur Familie gehören hier auch Freunde und Bekannte. Wewe sagt: “Hier in Khayelisha gibt es viel Potential und eine besondere Atmosphäre.”




Julia Taylor, 24 – “Mir wurde bewusst: Ich bin die Minderheit”

Julia Taylor, 24, ist aus dem goldenen Käfig ausgebrochen. Hohe Mauern, elektrische Zäune ums Haus und ein Wachposten am Eingang der Straße: Als Teenager lebte sie mit ihrer Familie in Sandhurst, einem Nobelvorort von Johannesburg. Jeden Morgen wurde sie zum Kingsmead Girls College gefahren, eine der teuersten Schulen Südafrikas.

Julia Taylor ist in einer weißen Welt aufgewachsen - für sie war das völlig normal (Foto: Buzzingcities.com/Julia Jaroschewski).
Julia Taylor ist in einer weißen Welt aufgewachsen – für sie war das völlig normal (Foto: BuzzingCities.com/Julia Jaroschewski).

Sie hatte während ihrer gesamten Schulzeit nur drei Mitschüler, die nicht weiß waren. “Und ich habe nicht einmal gemerkt, dass die Situation unnormal ist”, sagt sie. Apartheid war für sie eher abstrakt – ein Thema, das jedes Jahr in der Schule durchgenommen wurde. Im Alltag berührte es sie nicht. “Man spricht normalerweise auch nicht darüber, weil es irgendwie ein heikles Thema ist.”

Das Studium, ein Schock

Als Julia für ihr Studium nach Kapstadt zog und sich auf einem Campus wiederfand, auf dem sich Hautfarben und soziale Milieus mischten, war das ein Schock: “Mir wurde plötzlich bewusst: Ich bin die Minderheit.”

Im Stadtbild von Kapstadt sind die Spuren der Apartheid noch sichtbar: “Viele Bewohner der Innenstadt seien weiß”, sagt sie. “Aber wenn dich jemand auf der Straße anbettelt, ist das meist ein Schwarzer.” Johannesburg sei gemischter, integrierter, findet sie. “Es geht dort mehr um neue Talente als um alteingesessene Familien.”

Julia Taylor entschloss sich, neben ihrem Bachelorstudium der Politikwissenschaften, Philosophie und Wirtschaft als Freiwillige zu arbeiten – auch, um die Schuld der Elterngeneration abzutragen. Bis heute wühlt es sie auf, dass ihre Eltern an derselben Universität wie viele Anti-Apartheid-Aktivisten studierten – aber einfach nichts unternahmen. “Wie kann man in Südafrika leben und nichts tun?”

“Es gibt so viel, was getan werden muss”

Julia fuhr in die größte Township Kapstadts, Kayelitsha, und unterrichtete dort Englisch, betrieb Fundraising für soziale Projekte. Inzwischen arbeitet sie vor allem für Greenpop, ein Kapstädter Start-up mit sozialer Mission. Die Freiwilligen forsten Wälder auf und pflanzen Bäume in Townships, auch zusammen mit Township-Kindern.

Von einer “Born Free”-Generation würde die Studentin nicht sprechen: “Wir haben vielleicht politische Freiheit, eine Stimme, aber von wirtschaftlicher, räumlicher und struktureller Freiheit sind wir noch weit entfernt”, sagt sie. Auch Rassismus gebe es noch in ihrer Generation: “Ich hatte rassistische Freunde auf meiner Schule, die gesagt haben, es gebe keine netten schwarzen Menschen.” Doch die hätten höchstens Kontakt mit schwarzen Kindermädchen gehabt.

Schwarz und weiß, benachteiligt und privilegiert, arm und reich: Inzwischen weiß Julia um die extremen Gegensätze in Südafrika. Ihre Zukunft sieht sie trotzdem hier. Sie sagt, sie sei “patriotisch” und liebe das Land. Inzwischen studiert sie “Nachhaltige Entwicklung” und könnte sich vorstellen, danach ein sozial ausgerichtetes Start-up zu gründen. “Es gibt so viel, was getan werden muss.”






Ayrton Farao, 23 – “Apartheid ist kein Thema für uns”

Babystrampler mit Mandela-Print, Austern, Sekt und Latte Macchiato – jeden Samstag treffen sich in Woodstock, einem aufstrebenden Bezirk Kapstadts, Hipster, Kreative, die grün angehauchte obere Mittelschicht. Viele sind weiß hier, bis auf wenige Ausnahmen – wie Ayrton Farao, 23, und seine Freundin Renee Schreuder, 24, die Hand in Hand über den Markt schlendern.

Apartheid ist kein Thema für Ayrton Farao und seine Freundin – sie wollen ihr Leben geniessen (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl)

Er sieht mit Pilotenbrille, Dreadlocks, Jeanshemd und Röhrenjeans wie ein junger Lenny Kravitz aus, sie trägt einen Mickymauspullover und Leggings. Die Haut der beiden ist fast weiß, doch sie bezeichnen sich als “coloured”, “farbig”, das tragen sie auch in offizielle Formulare ein – denn die rassistische Kategorie zählt in Südafrika immer noch.

Was “farbig” genau ist, wissen sie nicht. Die Hautfarbe eines als “farbig” eingestuften Südafrikaners kann von weiß bis schwarz rangieren. “Es ist eine gemischte Rasse, ein Mix zwischen asiatisch, weiß, schwarz, indisch, chinesisch”, sagt Renee. “Und nach vielen, vielen Jahren kamen wir dann raus.”

Zusammen arbeiten, zusammen feiern

“Farbige” befinden sich in Südafrika in einer Sandwich-Position – während der Apartheid waren sie besser angesehen als die Schwarzen, aber längst nicht so privilegiert wie die Weißen. Viele fühlen sich bis heute nirgends richtig zugehörig; sie würden von allen Seiten kritisiert, aber nicht akzeptiert, sagen sie.

Ayrton Farao studiert Finanzen und Buchhaltung, er will einen Job, in dem er viel Geld verdienen kann, seine Freundin arbeitet bei einem Versicherungskonzern, manchmal arbeitet sie auch als Freiwillige für eine Organisationen, die Häuser in den Townships baut.

Beide wohnen bei ihren Eltern in Blue Downs, einem vor allem von “Farbigen” bewohnten Vorort. Wenn Ayrton Farao Englisch spricht, zieht er die Vokale lang, das “R” rollt er – der Afrikaans-Slang klingt durch, mit dem viele “Farbige” aufgewachsen sind.Diskriminierung, erzählt Ayrton, habe er noch nie erlebt. “Apartheid beeinflusst mich überhaupt nicht mehr”, sagt er. Schwarze und Weiße würden heute interagieren. “Wir feiern Partys miteinander, arbeiten zusammen.”

“Sie wollen nicht darüber reden, weil es Vergangenheit ist”

Die Familien der beiden haben andere Erfahrungen gemacht. Renees weißer Großvater durfte mit der Großmutter nicht zusammenleben, für Ayrtons heute 29-jährige Schwester war es als Teenager “ein Kampf”, wie er sagt: Sie konnte nicht einfach jede Schule oder Universität besuchen. “Aber wir werden von den Erfahrungen der Älteren abgeschirmt”, sagt Ayrton. “Sie wollen nicht darüber reden, weil es Vergangenheit ist.”

Er müsse sich heute nicht an Regeln halten. “Du kannst machen, was dir Spaß macht, dein Leben genießen”, sagt Ayrton. Deswegen spürt er auch keinen Drang, sich politisch zu engagieren: “Wir haben ja schon Meinungsfreiheit, können sagen und tun, was wir wollen.”

Seine Freundin ist kritischer: Sie sagt, nicht alle Familien hätten genug Geld, um die besten Schulen für ihre Kinder auszuwählen. Aber vor allem Bildung könne helfen, die große Lücke zu überwinden, die die Apartheid geschaffen hat. Ihre Eltern hätten sich nach dem Ende der Apartheid weiterqualifiziert, andere “Farbige” gingen erst jetzt in die Schule zurück – weil sie es sich nun leisten können.

Die beiden wollen leben, frei sein, alle Möglichkeiten nutzen. Ihr Traum: die Welt bereisen – denn mehr als Südafrika kennen sie nicht. Und Ayrton Farao möchte vor allem “wirklich erfolgreich” sein.








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