Karriere unterm Zuckerhut

Brasilien boomt – und seine Jugend ist selbstbewusst wie nie. Drei junge Menschen erzählen, was sie antreibt: ein Nachwuchsreporter, der vom Krieg in seiner Favela berichtete, ein Model – und eine Studentin aus gutem Haus.



Das Boomland Brasilien steht als Gastgeber der nächsten Fußball-WM 2014 und der nächsten Olympischen Spiele 2016 im Rampenlicht – mit seinen sozialen Problemen, und mit einer hoffnungsvollen Jugend, die so selbstbewusst ist wie keine Generation zuvor.

In dem riesigen Land, doppelt so groß wie die Europäische Union, leben 195 Millionen Menschen – deren Lebenswelten extrem unterschiedlich sind. Die kulturelle Vielfalt, aber auch die extreme soziale Kluft sind besonders sichtbar in Brasiliens schönster Metropole: Rio de Janeiro. Rio hat kilometerlange Strände zwischen Meer und Bergen und Hunderte Favelas – Armensiedlungen, die an den steilen Bergen der reichen Stadtviertel hochklettern.

Drei junge Menschen erzählen von ihren Leben, ihren Zielen: Rene Silva, 18, aus der Favela Complexo do Alemão will den Armen eine Stimme geben. Markus Nagel Albano, 21, arbeitet an seiner Modelkarriere. Und Deborah Katz, 24, träumt von einer Karriere als Juristin und Opernsängerin.


Rene Silva, 18, Favela-Medienstar: “Ich will die Stimme der Armen sein”

Rene Silva war 17, als Soldaten sein Viertel in der Favela Complexo do Alemão stürmten. Panzer, Helikopter und schwarz vermummte Spezialkräfte waren damals im Einsatz. Polizei und Militär drangen 2011 in die Armensiedlung ein und lieferten sich ein Wochenende lang Schießereien mit den Drogenbanden. Mehrere Menschen kamen ums Leben.

Er habe keine Angst gehabt, sagt Rene heute, er kenne Schießereien. Wie alle Favela-Bewohner blieb er zu Hause, verfolgte die Fernsehnachrichten. Doch Berichterstattung der Journalisten war dürftig, sie waren nicht vor Ort. So wurde Rene bekannt: Per Handy, Internetanschluss und Twitter berichtete er über die Schießereien. “Ich wollte den Menschen innerhalb und außerhalb der Favela mitteilen, was bei uns los ist”, sagt er.

Rene schrieb Nachrichten wie: “Heftige Schießereien im Complexo do Alemão”. Und: “Überall Maschinengewehre und Explosionen”. Er nahm ein Video auf, wie Helikopter über den Häusern kreisten. “Innerhalb von wenigen Minuten sind meine Follower-Zahlen bei Twitter explodiert”, sagt er. Sie stiegen an dem Wochenende von 200 auf 20.000. Auch Brasiliens größter Fernsehsender O Globo übernahm seine Nachrichten.

Rene Silva (Foto: Renato Moura)
Rene Silva: “Ich möchte die Stimme der Armen sein” (Foto: Renato Moura)

Schon vor der Besetzung hat Rene als Lokalreporter in der Favela gearbeitet: Während eines Schulprojekts hatte er an einer kleinen Übungszeitung mitgearbeitet. Es gefiel ihm so sehr, dass er, damals elf Jahren jung, die kleine Zeitung “Voz da Comunidade” gründete. Der Name seiner Zeitung ist noch immer sein Credo: “Ich möchte die Stimme der Favela sein.”

Aufstieg zum Medienliebling

Mittlerweile arbeitet der 18-Jährige mit etwa 30 Mitarbeitern. Seine Redaktion hat eigene Computer, eine Videokamera, Renes kleiner Bruder unterstützt ihn als Fotograf. Längst ist “Voz das Comunidades” auch ein Internetportal.

Jetzt, wo das Interesse an den innerstädtischen Armenvierteln steigt, ist Rene in ausgezeichneter Position: Journalisten kommen meist aus den Gutverdienerzonen, den besseren Einblick hat Rene.

So extrovertiert er sich und das Geschehen im Complexo do Alemão online präsentiert, so zurückhaltend wirkt er sonst: Er ist ein freundlicher, schmaler junger Mann mit Zahnspange, manchmal etwas schüchtern. In diesem Jahr macht er seinen Schulabschluss, danach will er Journalismus studieren.

Vielleicht kommt aber auch alles anders, denn auch große Firmen und Medienunternehmen haben sein Potential entdeckt. Silva, der Junge aus der Armensiedlung, gilt als Repräsentant der digitalen Generation. Er war Werbefigur für TIM, eines der größten brasilianischen Telekommunikationsunternehmen, wirbt für Coca-Cola und arbeitet seit kurzem bei einer Show des TV-Senders O Globo als Redakteur.

Außerdem wirkt er an der Produktion einer Fernsehserie, die in der Favela spielt, als Berater und Schauspieler mit. Die Rolle passt zu ihm: Die Geschichte handelt von einem Jungen, der als Favela-Reporter weltweit bekannt wird.


Markus Nagel Albano, 21, Model: “Beste Chancen, dank heller Haut”

Markus Nagel Albano, 21, liebt Rios Strände – nur braun werden darf er nicht. “Mit heller Haut habe ich bessere Chancen auf dem Laufsteg”, sagt er. Auf einem Longboard fährt er am Strand von Flamengo entlang, in Shirt und Shorts, die blonden Locken zerwuschelt. Vor der Kamera sind die Haare oft mit Gel streng zurückgekämmt, und sein Blick ist kühl.

Blond und blauäugig: Model Markus Nagel wurde als Teenager in einem Einkaufszentrum entdeckt (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)

Markus arbeitet als Model. In seiner Fotomappe sammelt er vor allem Modestrecken aus brasilianischen Magazinen – jetzt will er den europäischen Markt erobern. In Mailand warten Vorstellungsgespräche bei Agenturen: “Jeden Tag 15 Castings – da dreht man irgendwann durch.”

Mit 13 Jahren wurde Markus in einem Einkaufszentrum entdeckt. In einem nationalen Casting für Nachwuchsmodels schaffte er es unter die Ersten – obwohl er der Jüngste war und am wenigsten Erfahrung hatte.

Erfolg mit deutschem Image

Blonde Haare, helle Haut, blaue Augen – in Brasilien ist es für ihn leichter, als Model anzufangen, als in Europa. “Typen wie mich gibt es in Rio nicht viele”, sagt er. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Brasilianer und gerade sein deutsche Image verkauft sich gut: Auf dem Laufsteg nennt er sich deshalb nur Markus Nagel.

“Die erste Show war der Horror”, erinnert er sich. “Ich war nervös, ganz steif und habe niemanden angeschaut.” Nach ein paar Modeljobs hörte er zunächst auf und konzentrierte sich aufs Surfen. Ein Sportfreak – nicht das Einzige, was an ihm “typisch Carioca” ist, wie die Bewohner von Rio sich nennen: “Ich liebe die Strände, versuche das Leben leicht zu nehmen, lache viel, spiele die ganze Zeit herum.” Markus ist kein Model mit Jetset-Leben, er ist weder Selbstdarsteller noch arrogant, sondern wirkt ruhig und unkompliziert.

Vom Rasen auf den Catwalk

Nach der Schule jobbte er eine Zeitlang in Bars, bis ein Freund ihn fragte, wieso er nicht wieder modeln würde. Er hatte Glück, eine der bekanntesten Agenturen Brasiliens nahm ihn sofort unter Vertrag. Viele träumen davon – doch Markus’ eigentlicher Traum ist auf seine Wade tätowiert: das Wappen des brasilianischen Fußballclubs Flamengo. Als kleiner Junge trainierte er dort und wollte natürlich Profi werden. “Aber meine Eltern fanden, ich solle etwas Richtiges machen”, sagt er. Heute hält er den Ball mit Leichtigkeit 20-mal hintereinander in der Luft und fiebert bei jedem Flamengo-Spiel mit.

Für ihn sei die Modewelt wie ein gutgelaunter Zirkus, sagt er. Er wolle aber nicht als alter Mann enden, der versuche, Model zu sein. In spätestens zehn Jahren möchte er einen Studienabschluss haben, in Ozeanografie, Gastronomie, Jura, vielleicht auch in Fotografie. Hauptsache: was Richtiges.


Deborah Katz, 24, Sängerin: “Eine Liste, damit ich nie zufrieden werde”

Beim Karaoke singt Deborah Katz, 24, ungewöhnliche Lieder, nicht Michael Jackson oder Madonna, sondern Wagner. Katz ist Nachwuchs-Opernsängerin, genauer: hochdramatischer Sopran.

Deborah Katz weiß, was sie will - und erreicht es meistens auch (Foto: BuzzingCities/Julia Jaroschewski)
Deborah Katz weiß, was sie will – und erreicht es meistens auch (Foto: BuzzingCities/Julia Jaroschewski)

Mit dem Durchschnitt gibt sie sich nie ab: “Ich weiß genau, was ich will – und das ist ziemlich viel”, sagt sie. Als kleines Kind begann sie auf einem Blatt aufzulisten, was sie erreichen möchte. “Damit ich nie zufrieden werde”, sagt sie. Abgehakt sind: Opernsängerin, Jurastudium, eine eigene Bäckerei. Seit zweieinhalb Jahren studiert Katz Jura an der Elite-Uni Candido Mendes in Rio de Janeiro.

Während Studenten öffentlicher Unis in Rio über Stundenausfall, Dozentenmangel und schlechte Ausstattung klagen, schwärmt Katz: “Meine Professoren nehmen sich viel Zeit, sind immer für uns da, stellen uns individuell Stundenpläne zusammen.”

Viele von Katz’ Kommilitonen wollen in Brasilien als Rechtsanwalt Karriere machen, sie möchte sich auf internationales Finanzrecht spezialisieren, später die eine Hälfte des Jahres in den USA, die andere in Brasilien verbringen. Und sie möchte als Opernsängerin brillieren.

“Auf der Bühne stehen und ein 200 Jahre altes Stück zu interpretieren, das Publikum zu berühren, das ist phänomenal”, sagt Katz. Als Zwölfjährige hatte sie ein Schlüsselerlebnis: Ein alter Mann saß bei einer Aufführung in der ersten Reihe, sah aus wie tot. Bei “O sole mio” richtete er sich plötzlich auf und sang laut mit.

Karriere, Leben, Musik – alles nach Plan

Orchester- und Konzertmusik liegt bei Katz in der Familie: Die Mutter ist Violinistin und Pianistin, der Vater Cellist. Mit zwei Jahren, erzählt sie, hielt sie zum ersten Mal eine Violine, als Kind hatte sie einen straffen Stundenplan: Schule, Musikunterricht, Eiskunstlauf.

Heute springt Katz zwischen Universität und Musikunterricht hin und her, viel Freizeit bleibt nicht. Sie mag zwar Samba, doch Strände und Fußball, die brasilianischen Klassiker, sind ihr egal. Dass die Fußball-WM nach Brasilien kommt, sei vor allem wirtschaftlich super. Aber sie zweifelt daran, ob Brasilien gut auf die WM vorbereitet ist. Die Sicherheitslage sei besser als früher, aber es gebe Organisationsprobleme. “Auch die Favelas sind ein Problem”, sagt Katz.

Der Staat habe etwa Mauern gebaut, um Straßen, auf denen Touristen in die Stadt reisen, von den Favelas abzuschirmen. “Aber was bringt das, wenn die Favela-Bewohner überall Löcher in die Wände schneiden?”

Viele Brasilianer assoziierten Favelas nur mit Gefahr, Drogen und Raubüberfällen, sagt Katz. “Aber ich kenne Hausangestellte, die aus der Favela kommen und alle hart arbeiten.” Selbst hat Katz noch nie eine Favela besucht. Irgendwann möchte sie aber mal eine Favela-Tour machen.

Gerade ist sie vor allem mit ihrem Start-up beschäftigt. Das sei ein Brownie-Partyservice, den sie vor kurzem mit ihrer Mutter gegründet habe, erzählt sie. In diesem Fall konnte die Opernsängerin und Jurastudentin auf ihrer Liste sogar früher einen Haken setzen als geplant: Eine Bäckerei hatte sie erst für die Zeit als Rentnerin geplant.






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