Jeder Strand eine Klasse für sich

Wer in Rio de Janeiro lebt, ist aufs Meer fixiert – ob arm oder reich, schwarz oder weiß. Doch die Ufersegmente trennen die sozialen Milieus. Ein Rundgang.

Sie ist anstrengend, die Suche nach dem Glück. Jorge zieht den Kescher durch den feuchten Sand, das Wasser steht ihm kniehoch, auf seiner dunklen Stirn perlen Schweißtropfen. Bei jedem dritten Versuch landet etwas im Netz: ein Ring, ein paar Cent – oder nur Steine.

Schon um neun Uhr morgens scheint die Sonne heiß am Strand von Flamengo. Während Jorge arbeitet, kriechen Straßenkinder aus ihren Pappkartonbetten, Verkäufer verstauen Bier und Kokosnüsse in den Kühltruhen ihrer Strandbuden, erste Jogger tauchen auf. Jede Woche läuft Jorge, der nicht mehr jung ist, mit seinem Kescher die Küsten von Rio de Janeiro ab, denn irgendetwas verlieren die Menschen immer im Meer.

Vor 40 Jahren war er schon einmal ganz nah dran am Glück, einen Ring mit Diamanten hatte er gefunden, 2000 Dollar bekam er dafür. Viel Geld. Aber der ganz große Coup kommt noch, hofft Jorge.

Was sie eint: der Strand

Vom Strand aus blickt er auf ein Postkartenmotiv: Sand, Meer und Berge. Oben die Favelas, die Armenviertel, die wie Efeu die Hänge hinaufwuchern, unten die Hochhäuser der Gutverdiener. Die soziale Kluft ist extrem zwischen den „Cariocas“, den gut sechs Millionen Einwohnern von Rio. Was sie eint, ist der Strand, ohne den kein Carioca leben kann.

Der Strand, sagen viele, ist für alle gleich, ob reich oder arm, schwarz oder weiß. Unterschiede gibt es trotzdem zwischen den einzelnen Stränden, die nach „Postos“ benannt sind, durchnummerierten Lebensrettertürmen. Die Abschnitte der rund 80 Kilometer langen Küstenlinie sind wie Inseln unterschiedlicher Stadtmilieus, die von Nordosten nach Südwesten immer exklusiver werden.

Flamengo mit seinen zwei Lebensrettertürmen ist der erste große Badestrand im Nordosten, mit verschmutztem Wasser, aber dem schönsten Blick auf Zuckerhut und Segelboote, im Hintergrund ein Park, in dessen Palmen Papageienschwärme leben. Der Sand ist das Terrain der Futevôlei-Spieler. Jeder Muskel ist hier trainiert, jeder Körper gebräunt. Mit den Beinen, dem Oberkörper und dem Kopf kicken die Spieler den Ball über ein Netz im Sand, Futevôlei wurde an Rios Stränden erfunden.

Gleichzeitig ist Flamengo der Strand der Vorortbewohner, die an den Wochenenden hier auftauchen, auch zum Baden, Wasserqualität hin oder her. Wilma Francisca und zwei Freundinnen aus São Cristóvão, einer Favela der Nordzone, strecken sich der Sonne entgegen. Der Bus hat sie direkt am Strand abgesetzt. „Am Flamengo gibt es kaum Wellen“, sagt Wilma. „Das ist wichtig, wir können nicht schwimmen.“ Die 24-Jährige trägt den Bikini auf brasilianische Art – wenig Stoff, viel Haut, auch wenn sie keine Modelmaße hat.

Strand als Therapie

Wilma liebt den Strand: „Er hat eine heilende Wirkung. Geht es mir schlecht, komme ich hierher, dann wird es besser.“ Im Alltag wäscht Wilma schmutzige Wäsche. Sergio Cabral, der Gouverneur von Rio de Janeiro, ist ihr Chef. Wilma erzählt Anekdoten aus der Wäscherei. Sie hat vieles gesehen, zum Beispiel, wie einmal das gesamte Personal lachte, als der aufbrausende Chef beim Aussteigen aus dem Auto stolperte und noch Wochen später auf Krücken durch die Gegend humpelte. Die drei Freundinnen kichern.

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Am Flamengo bleiben sie unter sich. Warum sie nicht an andere Strände gehen? „Die Leute dort haben Vorurteile, jeder bleibt eben hinter seiner Wand“, sagt Wilma. Außerdem sei Flamengo sicherer als die angrenzenden Strände, die voller „Piranhas“ seien: Prostituierte, Schwule und Transvestiten auf der Suche nach schnellem Sex. Auch den „Farofeiros“ begegne man dort, den Ärmsten unter den Favelabewohnern, die laut sind, die Stress verbreiten, die Essenspakete mitschleppen, weil sie sich die Waren der fliegenden Händler nicht leisten können.

Rafael ist einer dieser Stresser. Mit ein paar Freunden sitzt er am Strand von Leme, der im Süden an Flamengo grenzt, Posto 1, es ist der erste unter den Strandabschnitten, die auch Touristen kennen. Ein Halbkreis aus Stühlen, in der Mitte eine Musikbox, aus der lauter Funkbeat dröhnt, darüber Marihuana-Schwaden.

Von der Favela zum Strand

Ums Essen sorgen sich Rafael und seine Freunde nicht. Wenn sie Hunger haben, gehen sie „nach oben, zu den Eltern, zur Tante, zu irgendwem, der gerade kocht“, so ist das in der Favela. Rafael, der 21 Jahre alt ist, hängt jeden Tag am Meer rum. Die Stadt kostet Geld, der Strand kostet nichts, und er liegt direkt vor Rafaels Haustür. Ipanema und Leblon, die schickeren Abschnitte? „Das ist nichts für uns. Da sind nur schöne Menschen, mit heller Haut und klaren Augen.“

Etwas weiter südlich, wo Leme in die Copacabana übergeht, wird der Strand so breit, dass mehrere Fußballfelder auf ihm Platz haben. Am späten Nachmittag füllen sie sich mit Spielern, an den Rändern sammeln sich Zuschauer. Bis Posto 6 reicht die Copacabana, vier Kilometer weit. Eisverkäufer rumpeln über das schwarz-weiß gepflasterte Wellenmuster der Promenade.

Vor dem Copacabana Palace, dem ältesten und teuersten Hotel der Stadt, geht ihr Geschäft besonders gut. Doch vom einstigen glanzvollen Treffpunkt der Bohème hat sich die Copacabana inzwischen in eine alte Dame verwandelt. Die Hotels und Hochhäuser sind angegraut, am Strand vor dem Copacabana Palace versuchen Prostituierte ihr Glück. An den Postos 3 und 4 sieht man auch Touristen, aber nicht weit entfernt schlafen Obdachlose unter kleinen Palmenhainen im Sand, geschützt vor der heißen Sonne. Abends sammeln sich hier Jugendbanden, die klauen und schon mal Crack rauchen.

Die Mathematiklehrerin Vera Costa hat lange in diesem Teil der „Copa“ gewohnt, bevor sie in die Nähe des Posto 6, den letzten Abschnitt vor Ipanema, gezogen ist. „Da hinten benehmen sie sich unmöglich“, sagt sie, nach Nordosten deutend, Richtung Leme. „Die sind als Sklaven gekommen, sie hatten nie die gleichen Möglichkeiten wie wir. Es ist eine Frage der Bildung, der Sozialisation, vielleicht sogar eine der Gene.“

“Die und wir”

Die und wir, das sind Kategorien, in die sich Cariocas gerne teilen, es geht um Hautfarbe, um Herkunft. Die 67-jährige Vera stellt ihren Klappstuhl hier jeden Tag in den Sand, immer am gleichen Ort. Ihre eigentlich weiße Haut ist tief dunkelbraun. „Der Strand ist für mich eine Therapie“, sagt sie. „Wenn ich aus dem Wasser komme, fühle ich mich wie neugeboren.“

Dann vergisst Vera, was den Alltag hier sonst erschwert: die Korruption, die Weigerung der Politik, in Bildung und Gesundheit zu investieren. Vera Costa klagt viel, und dennoch findet sie: „Rio ist von Gott gesegnet.“ Es gebe nichts Schöneres, als im Alter an der Copacabana sitzen zu können. „Dieser Strand gehört den Alten.“ Wenn die Fischer hinter dem Posto 6 ihren Fang verkauft haben, dann spielen dort die Rentner Karten im Schatten der Bäume. „Die Jugend“, sagt Vera, „ist nach Ipanema abgewandert.“

Neben dem Arpoador, einem Felsen am Ostrand von Ipanema, steht Marlon Silva Pereira im Sand, hinter ihm bricht sich die Sonne in den Wellen. Der 23-Jährige ist Surflehrer. Mit zwölf Jahren wagte er sich zum ersten Mal auf ein altes Brett, das er von seinem Onkel geborgt hatte. Marlon lebt in der Favela Cantagalo, am Hang, mit Blick auf Ipanema. Die Menschen aus den Armenvierteln, die Marlon im „Favela Surf Club“ unterrichtet, zahlen nichts.

„Beim Surfen vergisst man Armut und Ärger“, sagt Marlon. Den Ärger über die ständigen Rucksackkontrollen zum Beispiel. Wenn Marlon mit dem Rad am Strand entlangfährt, hält ihn oft die Polizei an und fragt, warum er so schnell fahre, was er denn geklaut habe. „Schwarze werden immer anders behandelt.“

Der Arpoador ist Marlons zweites Zuhause, er kennt hier jeden, und jeder kennt ihn. Der Strand am Posto 7 gehört den Surfern, der Abschnitt bis zum Posto 8 den Bewohnern der Armenviertel Cantagalo, Pavão und Pavãozinho. „Es ist der Strand der Favelas“, sagt Marlon. „Nur auf den Wellen treffen sich alle Klassen.“ Gerne wäre er professioneller Surfer geworden, mit Sponsoren und Wettkämpfen, „aber die wichtigen Netzwerke gehören den Weißen, nicht uns“. Die meisten Menschen hier am Strand sind dunkelhäutig wie Marlon, ein Gewimmel aus Familien, überwiegend jung.

Die Girls from Ipanema

Zwischen Posto 8 und Posto 9 wehen Regenbogenflaggen, unter denen sich die bekannteste Schwulengemeinde Lateinamerikas sonnt. Die Atmosphäre ist hedonistisch, unter einem Mosaik aus roten Sonnenschirmen räkeln sich durchtrainierte Beaus in knappen Badehosen, eng umschlungene Männerpaare, überall Tattoos. Händler balancieren eiskaltes Bier, Garnelenspieße und Mate-Tee durch den Sand.

Der Posto 9, der berühmteste Abschnitt von Ipanema, gehört den Intellektuellen, den Alternativen, den Trendsettern. Ipanema, das ist Schaulaufen, für Männer wie für Frauen. Hier entstand „The Girl from Ipanema“, das berühmte Lied von Tom Jobim und Vinícius de Moraes: Tall and tan and young and lovely, the girl from Ipanema goes walking …

Die legendären Brasilianerinnen in ihren knappen Bikinis, die es an allen Stränden von Rio gibt, sind hier in Ipanema meist hellhäutig, aber sonnengebräunt. Die Schönen aalen sich um den Posto 9, die Jüngeren um Posto 10. Wenn sich bei Sonnenuntergang die Strandstühle auf den Karren stapeln, liegen die Hipster und Studenten noch unter den Schirmen, spielen Ball, ziehen an Joints, machen Musik.

Leblon – Insel der Reichen

Jack Camelq geht nur unter der Woche an den Strand von Ipanema, wenn es hier ein bisschen leerer ist. Der 35-Jährige gehört nicht zu den Sixpack-Playboys, und er setzt sich meist in den Schatten, um einen übertrieben dunklen Teint zu vermeiden.

Seine Prada-Brille ist echt, keins der gefälschten Modelle, die die Strandhändler verkaufen. Jack ist Architekt, er baut gerade an zwei Museen, Prestigeobjekte für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014, die in Brasilien ausgetragen wird.

Als Sohn einer Diplomatenfamilie hat Jack in Paris, Madrid und Kairo gelebt, er wuchs in behüteten Verhältnissen auf, „auf einer Insel“, wie er sagt. Nach Stationen in Schanghai und Haiti ist er nun zurück in Rio, und die Insel, auf der er jetzt lebt, heißt Leblon: ein Stadtviertel mit gleichnamigem Strand, das im Westen an Ipanema anschließt.

Leblons Bevölkerung zählt zu den wohlhabendsten der Stadt. Der Strand vor den Häusern mit den Glas-Fassaden ist leerer als die anderen – und weißer. Schauspieler und Künstler flanieren hier. An den Postos 11 und 12 wurden in den 90er Jahren der erste Wickeltisch und ein Kinderbereich geschaffen – eine Art Prenzlauer Berg am Strand.

„Es ist sehr familiär, ich finde hier immer einen meiner Freunde oder Nachbarn“, sagt Jack. Zum Strand läuft er zu Fuß. „Leblon ist angenehm. Und nicht so voll, weil die U-Bahn nicht bis hierher führt.“

Rios U-Bahn wurde im Jahr 2009 zuletzt verlängert. Erstmals konnten die Bewohner der armen Nordbezirke bis an den feinen Strand von Ipanema fahren, ohne umsteigen zu müssen. Mit Kindern, Taschen voller Essen und Sonnenschirmen im Gepäck bahnten sich die Armen ihren Weg bis in die Südzone, die bisher den Wohlhabenden vorbehalten war.

Für die Einwohner der Vororte war es die Eroberung eines für sie bisher kaum zugänglichen Lebensraumes. Für die Bewohner von Ipanema war es ein Schock. Vor der Weltmeisterschaft wird Rios Streckennetz noch weiter ausgebaut werden, auch bis nach Leblon. Jack zuckt mit den Schultern: „Damit müssen wir leben.“

Wenn abends die Sonne mal wieder besonders spektakulär im Meer versinkt, applaudieren die Cariocas. Vom Arpoador bis Leblon wird geklatscht, alle machen mit, ob schwarz oder weiß, ob arm oder reich. Der Strand ist für alle gleich. Nur gleicher macht er nicht.

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