Der Favela-Guide

Hauskauf, Internet, Musik oder Müll: Zezinho aus der Favela Rocinha erklärt, wie das Favela-Leben funktioniert. Ein ABC des Alltags.

Zezinho aus der Rocinha erzählt, wie die Rocinha, die größte Favela Rio de Janeiros den ganzen Berg hinauf gewachsen ist, wie die Menschen sich in der Favela bewegen, wieso die meisten Favela-Häuser von innen spannender sind als von außen und warum er seit Jahren in einer originalverpackten Matratze schläft – auch wenn es nachts knistert.

Zezinho kennt sich aus in der Rocinha – seit fast 50 Jahren lebt er hier (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl)
Anfänge der Rocinha

Rocinha wurde ursprünglich von drei Familien besiedelt, die portugiesische, italienische und französische Wurzeln hatten. Laboriaux ist der höchste Punkt der Favela und war von den Franzosen besiedelt. Largo do Boiadeiro oder Caminho do Boiadeiro gehörte den Portugiesen und Via Apia wurde von den Italienern bewohnt.

Früher hatten wir Farmen hier und die Menschen haben ihr eigenes Gemüse angebaut – deswegen heißt die Rocinha so. „Rocinha“ bedeutet „Kleine Farm“. Zwischen den 1930er und den 1950er Jahren kamen die Menschen her, um Gemüse einzukaufen. Nach der zweiten großen Einwanderungswelle wurde die Umgebung städtischer und es wurden immer mehr Häuser gebaut. Rocinha hat heute ungefähr eine Bevölkerung von 300.000 Menschen.

Land

Land ist rar hier, das meiste Land ist vergeben. Die einzigen Bäume und Gräser stehen an den richtig steilen Seiten des Berges. Es ist gefährlich, dort zu bauen. Am Anfang stand die Favela am Fuß des Berges und über die Zeit hinweg ist sie den Hügel hinaufgewachsen. Favelas wachsen, weil Menschen Häuser bauen wollen – und Häuser brauchen. Die Regierung hat eine Mauer um die Favela gebaut, um ihre Ausdehnung zu verhindern. Angeblich soll die Masuer die Umwelt schützen – aber manche glauben, dass es eine Art sozialer Exklusion ist.

Den meisten Menschen ist Land ziemlich egal. Wir schätzen unsere Häuser mehr. Wir haben inzwischen Besitztitel für unsere Häuser und müssen keine Angst mehr haben, dass sie geräumt werden und wir wegziehen müssen. Deswegen renovieren viele Leute ihre Häuser jetzt dauernd und verschönern sie. Wenn du morgen hierherkommst und in sechs Monaten noch mal vorbeischaust, wirst du die ganzen Veränderungen sehen.

Fernseher

Die am häufigsten gesehenen TV-Programme sind Telenovelas (Serien) und Fußball. Jeder hat einen Fernseher in der Favela – außer mir. Ich habe einfache Schwarz-Weiss-Fernseher hier gesehen – aber auch Riesendinger mit Flatscreen. Die meisten Menschen hier haben Kabel-Fernsehen oder eine Satellitenschüssel. Ich finde Fernsehen nicht so spannend.

Handy

Fast jeder, den ich kenne, hat ein Handy. Die meisten Leute laden ihr Handy immer minutenweise auf – ich  kenne keinen, der einen Monatsvertrag hat. Telefongespräche sind teuer, SMS sind billiger, aber ich hasse SMSen. Ich habe in der Favela sogar schon ein paar Blackberries und das seltene iPhone gesehen. Die Leute hier haben verrückte Klingeltöne – miauende Katzen oder ein richtig lauter Alarm. Ein Junge hatte einen Klingelton, der klang, als würde ein Feuerwerk losgehen – der wurde ziemlich komisch angeschaut im Bus.

Häuser

In der Rocinha gibt es ungefähr 54.000 Häuser auf etwa 64.000 Quadratmetern Platz. Die meisten Häuser in der Rocinha bestehen aus Ziegel und Zement. Weil es keinen Platz um sie herum gibt, bauen die Leute ein Stockwerk nach dem anderen auf. Wir haben zwar noch einige Hütten hier, aber vor allem in den Gebieten “Macega” und “Roupa Suja”. Die Regierung möchte sie abreißen, weil die Häuser nicht stabil auf dem Berg verankert sind. Jedes Mal, wenn es regnet, werden Hütten zerstört. Oder wir haben Erdrutsche.

Jeder wünscht sich ein eigenes Haus und wir sind stolz darauf, wo wir leben. Ich hätte auch irgendwann gerne ein eigenes Haus. Innen sind die Häuser relativ einfach gestaltet – die Wände sind nicht verputzt, alles besteht aus Ziegeln. Die meisten Häuser haben Fenster, es gibt aber auch einige ohne Fenster. Fliesen sind in Brasilien beliebt, weil sie billig sind und leicht zu säubern. Die meisten Menschen haben heute Strom und fließendes Wasser.

In den Favelas ist das Äußere eines Hauses und wie es aussieht, nicht so wichtig – was drinnen ist, zählt. Viele Häuser sehen von außen schrecklich aus, aber innen wirst du von einem hübsch gefliesten Boden, modernen Möbeln, Fernseher und DVD-Player überrascht.

Der günstigste Ort in der Rocinha ist weit oben auf dem Berg, die teuren Häuser und Apartments liegen am Fuß des Berges, auch Ausländer haben dort Häuser gekauft. Der Durchschnittspreis für ein Zwei-Zimmer-Haus ist etwa 30.000 bis 35.000 Reais – unten am Berg doppelt so viel. Es gibt zwei Immobilienmaklerbüros, wo du hingehen und dir ein Haus kaufen kannst, und es gibt einen Makler für Vermietungen. Leute verkaufen ihre Häuser aber oft privat, ohne Makler.

Heimat

Die Mehrheit der Menschen, die hier leben und hier geboren wurden, kommen aus dem Nordosten von Brasilien. Meine Familie stammt aus Fortaleza, aber sie haben es niemals zu ihren Wurzeln zurückgeschafft. Ich höre von Menschen, die zurückkehren möchten, nachdem sie genug Geld gespart haben. Für manche ist die Favela nur ein Ort für eine gewisse Zeit, an dem sie leben und arbeiten können. Aber sie hoffen, dass sie irgendwann in ihre Heimat zurückkehren können. Meine Wurzeln sind hier und ich werde nicht gehen.

Internet

Wir haben mehr als 80 „Lan-Houses“ – Internetcafés. Es gibt auch Kabel-Internet für zuhause. Die Regierung hat inzwischen sogar ein kostenloses WLAN-Netz installiert, aber das können natürlich nur Menschen nutzen, die einen Computer haben. Vielleicht 20 Prozent der Favelabewohner haben einen Computer, noch weniger Laptops. Ich habe einen Laptop, und ich kann das WLAN vom Dach aus nutzen, aber die Verbindung ist oft schlecht.

Möbel

Möbel in der Favela sind preislich in Ordnung, aber Spitzenqualität wirst du nicht finden. Ikea gibt es hier nicht. Mein Sofa ist nicht besonders bequem, aber immerhin passen drei Leute darauf. Es wäre schön, eine Couch zu haben, in der du versinken kannst oder bei der du nicht mit Rückenschmerzen aufwachst. Die Matratzen, die ich habe, sind fest und gut für meinen Rücken.

Weil wir in einem tropischen Klima leben, sind Bettwanzen häufig. Nachdem Bettwanzen und anderes Ungeziefer mir Matratzen zerstört haben, habe ich mich entschieden, dass ich bei meiner neuen Matratze einfach die Plastikverpackung dran lasse. Es ist komisch, auf Plastik zu schlafen, aber so halten sie wenigstens lange. Ich packe zwar ein Bettlaken auf die Matzrate, aber man muss sich trotzdem an das Plastikgeräusch gewöhnen – jedes Mal, wenn man sich umdreht.

Müll

Meine einzige Beschwerde über das Leben in einer Favela: Müll. Es gibt Plätze, die als Müllsammelpunkte gekennzeichnet sind, aber ich sehe immer noch, wie viele Menschen den Müll einfach auf den Boden werfen. Wir brauchen hier noch mehr Mülleimer, um das Problem zu lösen. Und die städtische Müllabfuhr muss öfter in die Rocinha kommen, um den Müll abzuholen. Es wäre toll, wenn Plastiktüten einfach abgeschafft werden würden und man braune Papiertüten bekommen würde – oder Leute einfach ihre eigenen Beutel mitbringen, wenn sie einkaufen gehen.

Musik

Es gibt alle Arten von Musik hier. Die Stile, die ich jeden Tag in der Favela höre, sind Funk, HipHop und Pagode. Wenn ich durch die schmalen Gassen der Rocinha laufe, höre ich mehr unterschiedliche Musik als auf der Hauptstraße. Amerikanische Popmusik von Lady Gaga, Justin Bieber und Beyonce ist ziemlich bekannt, aber ich habe hier auch schon Heavy Metal gehört. Und ich habe sogar ein paar „Goths“ in der Favela gesehen – die sahen genauso aus wie überall auf der Welt. Bleiche Gesichter, lange schwarze Haare und von oben bis unten schwarz angezogen.

Straßen

Straßen sind purer Luxus in Favelas – die meisten Favelas haben nur unbefestigte Straßen. In der Rocinha gibt es eine Hauptstraße und drei kleinere Straßen, die zementiert sind und geteert.

Unsere Hauptstraße heißt Estrada da Gavea und verläuft von unten von dem Stadtviertel Sao Conrado quer über den Berg auf die andere Seite und zum Viertel Gavea. Autos, Motorräder, Busse, Vans fahren auf der Straße – manchmal auch Fahrräder, aber selten. Und einer aus Rua 1 hat sogar ein Pferd und reitet einmal im Monat darauf herum. Ein Freund von mir fährt mit dem Skateboard, weil er seine Beine nicht benutzen kann, seit er acht Jahre alt ist. Den Berg hinauf lässt er sich von einem Motorrad ziehen.

Street Life

Rocinha ist ein lebhafter Platz und auf der einzigen Hauptstraße der Rocinha gibt es viel zu sehen, viele Geschäfte, Bars und Plätze, an denen man herumhängen kann. Unsere Häuser sind nicht groß, deswegen ist es schöner, nach draußen zu gehen und mit den Nachbarn zu sprechen. In den „becos“, den kleinen Gängen, sitzen die Menschen auf den Stufen oder stehen herum. Die Gespräche drehen sich um Gerüchte oder um Familienangelegenheiten.

Wenn mir drinnen zu langweilig wird, gehe ich einfach auf die Straße und garantiert treffe ich dann Menschen, die ich kenne. Die Leute aus der Rocinha sind freundlich und grüßen sich. Unten am Hügel gibt es viele Straßenverkäufer und alle möglichen Leute hängen dort herum. Das Essen auf der Straße ist klasse! Und du wirst Autos mit lauten Stereoanlagen sehen und hören – es gibt auch ein Auto, dass durch die Favela fährt und verkündet, was in der Favela los ist. Auch Capoeira-Vorführungen kommen oft vor. An Karneval ziehen die Paraden durch unsere Straßen. Und von Donnerstagnacht bis Sonntag finden überall Parties statt und alle grillen auf ihren Dächern.

Transport

Ich finde es toll, an einem Ort zu leben, an dem man 24 Stunden Transportmöglichkeiten hat. Wir haben drei Buslinien, die nach Leblon, Leme and Botofogo fahren. Die Mototaxis transportieren einen für $2 Reais (etwa 75 Eurocent) innerhalb der Favela, aber für einen höheren Preis fahren sie dich auch in andere  Gebiete. Nach draußen zu fahren kostet mit dem Bus $2.35 und 2.20 mit den Kleinbussen. Ich fahre meistens mit den Kleinbussen, weil sie bequem sind. Am Eingang der Rocinha gibt es jetzt auch einen Taxistand für Leute, die längere Strecken zurücklegen müssen – wie zum Flughafen.

Viertel

Wir haben 25 verschiedene Viertel und Unterviertel hier. Ich lebe in Area 7, vorher habe ich in Paula Brito gelebt, geboren bin ich oben in Rua 1. Es kommt häufig vor, dass die Leute innerhalb der Favela umziehen. Die ärmsten Gegenden sind Macega, Roupa Suja, Cesario und Valao. Manche der Häuser dort haben weder Strom noch fließendes Wasser.

Die Namen der Nachbarschaften sind nach Menschen benannt worden oder beziehen sich auf  die Geschichte eines Ortes. Das Viertel „Roupa Suja“ – „Dreckige Wäsche“ – ist nach einem Gebiet benannt, in das Frauen kamen, um Wäsche dort zu waschen und die neuen Gerüchte in der Favela auszutauschen.

Cachopa heißt „hübsches Mädchen“. Ich weiß nicht genau, wer das hübsche Mädchen war, aber sie kam eben aus dem Viertel der Favela, das jetzt so heißt. Und Capado ist oben am Berg und erhielt den Namen durch eine Frau, die ihren Mann kastriert hat, nachdem sie ihn mit einer anderen Frau im Bett erwischt hat. Valao ist die Nachbarschaft, die so heißt, weil eben das offene Abflussystem durch läuft – „Vala“ heißt Kanal und „Valao“ bedeutet Riesenkanal.

Jeder Teil der Favela hat eine bestimmte Atmosphäre. Die Via Apia und Largo do Boiadeiro sind sehr geschäftig und es ist immer laut dort. In Paula Brito oder Portao Vermelho ist es ruhig und es ist nicht viel los.

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