Der Township-Kompass

Smileys, Shebeens und Xhosa: Ein Leitfaden für die Bewältigung des Townshipalltags.

An den “Click-Sounds” verzweifeln viele TownshipbesucherInnen – auf isiXhosa werden Laute mit Klick- und Schnalzgeräuschen generiert. Das Hauptsiedlungsgebiet der isiXhosa-sprechenden Xhosa liegt heute in der Provinz Eastern Cape – da viele Bewohner vom Eastern Cape ins Western Cape, also in die Gegend um Kapstadt, eingewandert sind, sind die Klicklaute in den Townships von Kapstadt oft zu hören.

“Es ist kein Lärm, es ist meine Sprache”, sagte die südafrikanische Sängerin Miriam Makebe zu Recht – eine sehr interessante sogar. Makeba hat den Click-Sounds sogar ein Liebeslied gewidmet: “The Click Song”. Kleiner Trost: Alles andere lässt sich schneller begreifen.

Chicken Feet

Ein Snack im Vorbeigehen – für nur ein paar Cent greifen Townshipbewohner in die Schüssel voller „Chicken Feet“ und genießen dann die Hühnchenfüße oft unterwegs. Für Mutige.

Hühnerfüße – glibberig, gelb und anscheinend ziemlich lecker (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)
Hairsalon

In den Townships verwandeln sich Frachtcontainer in Geschäfte – und Hair Salons. Stundenlang wird hier teilweise frisiert und eine unglaubliche Vielfalt an Frisuren erfunden.

1001 Frisuren – in den Hairsalons der Townships wird gezaubert (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl)
Kangaroo Courts

Überall dort, wo der Staat ein Machtvakuum bestehen lässt, bilden sich eigene Regeln heraus. In den südafrikanischen Townships wehren sich die Bewohner gegen die überhand nehmende Kriminalität, indem sie kollektive Strafverfolgung betreiben. Dieben, Vergewaltigern und Mördern macht die Gemeinschaft kurzen Prozess – oft mündet die meist schnell getroffene Verurteilung in ein Todesurteil, teils kann es auch Unschuldige treffen.

Kombis

Townshipbewohner bewegen sich in Townships und Stadtzentren meistens mit Kleinbussen („Kombis“) fort, in der sich möglichst viele Menschen sammeln, oft mit Gepäck, manchmal auch mit Tieren. Ein Begleiter des Fahrers sammelt von jedem Fahrgast das Fahrgeld ein, die Busse halten überall, wo jemand aus oder einsteigen möchte, haben aber grob definierte Routen.

Einer Studie der Pretoria Universität zufolge werden die Sammeltaxis täglich von zwischen fünf und zehn Millionen Südafrikanern genutzt. Beherrscht werden die unzähligen Kollektivtaxis allerdings von mafiösen Kartellen – in Südafrika liefern sich indischstämmige und „schwarze“ Taxikollektive teils Gefechte mit Schusswaffen. Andere Verkehrsteilnehmer halten sich an die Grundregel, den wild rasenden und hupenden Kombis auszuweichen und sich selbst bei Unfällen nicht mit den Fahrern anzulegen.

Kwaito

Der Sound, der – analog zum Funk in den brasilianischen Favelas – in den südafrikanischen Townships entstanden ist, heißt Kwaito: eine Mischung von House, afrikanischen Rhythmen und lokalen Dialekten. Mit Kwaito fand auch das Selbstbewusstsein einer neuen Generation, die Auflehnung gegen die Apartheid, ihren musikalischen Ausdruck.

Da Kwaito-Songs früher nicht im Radio gespielt wurden, wurden sie über die Taxis der Townships, die Kombis, verbreitet und erreichten so Millionen Hörer. Lange von der Mittel- und Oberklasse als „schwarze“ Township-Musik verschmäht, hat Kwaito inzwischen den Sprung aus dem Jo`burger Township-Komplex Soweto in nationale und internationale Clubs geschafft.

Mlungu

“Mlungu” bezeichnet weiße Menschen – und die sind für viele Townshipkinder immer noch eine Rarität, auch wenn die Berührungspunkte durch Townshiptouren oder Einzelinitiativen, also Umzüge in die Townships, häufiger geworden sind. In Südafrika existiert außerdem eine Modemarke, die “Mlungu” heißt.

RDP-Häuser

Das Reconstruction and Development Programme (RDP) sollte nach der Apartheid die katastrophale Wohn- und Lebenssituation von Millionen schwarzer Südafrikaner verbessern. Zwischen 1994 und 2001 ließ die Regierung in den Townships etwa 1,1 Millionen günstige Häuser bauen, die etwa fünf Millionen Südafrikaner beherbergten. Bis heute wurden zwar zahlreiche weitere Häuser gebaut, doch immer noch stehen der hohen Nachfrage zu wenige Häuser gegenüber.

Inzwischen gibt es in den Townships mehrere Generationen von RDP-Häusern, die nach dem jeweiligen Präsidenten benannt sind – je nach Baustil weisen die Klon-Häuser auf die Ära Mandela, die Ära Mbeki oder eben die Zuma-Ära hin.

Die meisten RDP-Häuser haben etwa vier Zimmer, manche besitzen einen kleinen Vorgarten – allerdings bleibt zwischen vielen RDP-Häusern kaum viel mehr Platz als zwischen den Hütten zuvor. Allein durch die Umwandlung ganzer Township-Barackenviertel in RDP-Gegenden wird das Problem der mangelnden sozialen Durchmischung in den Townships allerdings nicht gelöst.

Shack

Wer ins Township einwandert, baut sich zuerst eine Hütte (Shack), aus allem, was verfügbar oder günstig beschaffbar ist – Holz, Pappe, Plastikplanen, Draht, Wellblech. Die ärmsten Viertel in den Townships bestehen nur aus Shacks. In allen Townships werden kastenartige Wellblechteile verkauft, die nach dem Baukastensystem mit einem Dach kombiniert werden können – die Fertighäuschen aus Wellblech sind der erste Schritt zum Aufstieg.

Glücklich ist, wer sich selbst ein Haus aus Stein bauen kann oder eines der Häuser von der Regierung erhält (siehe RDP-Häuser). Allerdings bauen Townshipbewohner oft wieder Shacks an die RDP-Häuser an – falls das Haus zu klein für die Kinder ist oder wenn sie das RDP-Haus vermieten und selbst weiter im Shack leben und die Miete kassieren wollen.

Fast wie bei Ikea: Wellblech-Fertighäuser nach dem Baukastensystem (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)
Fast wie bei Ikea: Wellblech-Fertighäuser nach dem Baukastensystem (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)
Shebeen

Die kleinen Bars, die sich meist in Wellblechhüten verbergen, sind Teil der Townshipkultur. Shebeens, deren Namen sich vermutlich vom anglo-irischen „Séibín“ („Krüglein“) ableitet, schießen überall aus dem Boden, wo sonstige Freizeitaktivitäten rar sind – gerade in Minennähe, aber auch in Townships an fast jeder Ecke.

Serviert wird in den illegalen Bars je nach Ausstattung selbstgebrautes Bier und Schnaps oder auch im Handel erhältliche Biersorten. Auch die Ausstattung rangiert von Minimalismus bis zu aufwändig mit Bierflaschen, Platten und Billiard dekorierten Bars.

Während der Apartheid trafen sich nicht nur Nachbarn in den Shebeens, sondern auch politische Aktivisten. Jahrzehntelang zahlten die Shebeens keine Steuern – jetzt tobt in Südafrika ein Streit um ihre Legalisierung, Razzien sind keine Seltenheit, doch die Shebeens operieren danach meistens weiter.

Township-Trinkkultur: Die Ausstattung der Shebeens variiert – hier ein Luxusmodell (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)
Smileys

Schafsköpfe, die die Zähne selbst noch im Tod zu einem Lächeln blecken, gelten in den Townships als Leckerbissen. Alles Fell wird abgerupft, bis nur der kahle Schädel übrig bleibt, der dann im Feuer vor sich hin köchelt, bis er in der Mitte aufgeschnitten wird. Viele schwören besonders auf die Augen und die Ohren – und sonderlicher als Sushi oder Froschschenkel finden Townshipbewohner die „Smileys“ nicht.

Tsotsi

Der südafrikanische, Oscar-prämierte Film „Tsotsi“, der wie auch der brasilianische Film „City of God“ einen Einblick in Gewalt und soziale Ungleichheiten verschafft, handelt von der Läuterung eines jungen Mannes aus dem Township. Das Slangwort „Tsotsi“ meint in den Townships soviel wie „Gangster“ oder „zwielichtige Gestalt“, wird aber teils spaßeshalber auch unter Freunden benutzt. Äußerlich werden den Tsotis oft Kapuzenpullover (Hoodies) und Wollmützen zugeschrieben – doch darin können sich auch ganz normale Jugendliche verbergen.

Jugendkriminalität ist allerdings eine riesige Herausforderung in den Townships – viele Jugendliche geraten schon als Kinder oder junge Teenager in Gangs, die in den Vierteln herumlungern, Drogen nehmen, Anwohner ausrauben und sich gegenseitig bekämpfen, mit Messern, teils auch mit Schusswaffen.







Mehr Beiträge aus Kapstadt




Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s