Kick der guten Hoffnung

Die Fußball-Insel: Das Spielfeld in Khayelitsha ist für viele Jugendliche der einzige sichere Rückzugsort. Die Organisation Amandla eröffnet Kickern aus den Armenvierteln von Kapstadt ein neues Leben – Fußball statt Gangs und Drogen. Ein Modellprojekt, von dem auch Deutschland lernt.

Gangrivalitäten, Gewalt und Drogen, Alltagssorgen und Zukunftsängste haben keinen Platz auf dem Feld, das wie eine Insel mitten in Khayelitsha liegt, Kapstadts größtem Armenviertel mit etwa eineinhalb Millionen Menschen. Ringsherum, hinter dem Zaun, auf dem bunte Wäsche trocknet, beginnt die endlose Landschaft aus abenteuerlich zusammengezimmerten Wellblechhüten, dicht an dicht stehen sie da, zwischendrin schmale staubige Wege, auf denen eine Horde von Kleinkindern entlangflitzt. Chaotisches, lautes, lebendiges, eng gedrängtes Armenviertel-Leben – auf dem Feld dagegen: Freiheit, Raum, Luft, viel Grün, das in den staubigen Cape Flats um Kapstadt eine Rarität ist.

Die Fußball-Insel: Spielfeld als Rückzugsort im Township (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)
Die Fußball-Insel: Spielfeld als Rückzugsort im Township (Foto: BuzzingCities/Sonja Peteranderl)

Der Fußballplatz von Khayelitsha ist kein sandiger Bolzplatz mit abgeblätterten Toren, sondern ein sattgrünes Fußballparadies mit sorgfältig gezogenen, weißen Markierungen, 100 mal 47 Meter. Und mehr als ein Spielfeld: „Das Feld ist die Schweiz in Khayelithsa“, sagt Florian Zech, der in Hemd und Anzughose am Rand des Rasens steht und den spielenden Kindern zusieht. Ein sicherer, neutraler Platz, auf dem die Kinder und Jugendlichen aus dem Armenviertel Spaß haben und sich weiterentwickeln können. Selbst Gangstreitigkeiten tragen die Jugendlichen nur außerhalb des Fußballplatzes aus.

Ein Horizont voller Hütten

Florian Zech, der älter wirkt als 25, gründete während seines Zivildienstes in Südafrika eine Fußball-Liga, als Freizeitangebot für Heimkinder – daraus ging eine soziale Fußballorganisation hervor, die heute etwa 2500 benachteiligte Kinder und Jugendliche aus der Township erreicht: Amandla, zu Deutsch: „Kraft“ oder „Energie“.

Florian Zech, Gründer der Fußballorganisation Amandla, steht heute nur noch selten auf dem Spielfeld (Foto: Sonja Peteranderl)
Florian Zech, Gründer der Fußballorganisation Amandla, steht heute nur noch selten auf dem Spielfeld (Foto: Sonja Peteranderl)

Als Florian Zech, der aus Prien am Chiemsee kommt, 2006 nach Südafrika reiste, um seinen Auslandszivildienst anzutreten, war Khayelitsha, wo sich die schwarzen Südafrikaner während der Apartheid sammelten, das erste, was er sah: ein Horizont voller nie endender Mini-Hütten aus Wellblech, Pappe, Holz, mittendrin sein Einsatzort: ein Kinderheim, damals noch ohne Sicherheitspersonal und Mauern. „Im tiefen Oberbayern aufgewachsen, sehr wohlhabend und wohlbehütet, war das ein ganz schöner Schock dort anzukommen und zu wissen, dass man dort elf Monate leben wird“, sagt Florian Zech.

Ein paar Wochen brauchte er, um sich an „die Armut vor der Haustür“ und die extreme Kluft zwischen Kapstadt, der Metropole am Meer mit dem europäischen Touch, und den ärmlichen Townships an ihren Rändern zu gewöhnen. Nachts wachte er auf, weil Einbrecher am Tor rüttelten, Steine wurden ans Fenster geworfen, ein paar Mal schreckte er hoch, weil er Schüsse hörte. „Auch tagsüber konnte ich nicht einfach so durchs Township schlendern – höchstens in Begleitung“, sagt Zech. Es gab auch bewaffnete Raubüberfälle auf Freiwillige. Doch Zech traf es nie.

Fußball als Magnet

Während der Arbeit im Kinderheim merkten der Bayer und eine englische Freiwillige schnell, dass Freizeitangebote für die Jugendlichen fehlten: nach der Schule hingen sie auf der Straße herum, die Jungen drifteten in Gangs ab, viele der Mädchen wurden mit 15 schwanger. „Wir haben nach einem Medium gesucht, das Jugendliche, Mädchen wie Jungen, begeistert und da kam Fußball ins Spiel“, sagt Zech, der damals selbst kein großer Fußballfan war. „Fußball war ein offensichtlicher Magnet – wer im Township einen Fußball hat, hat sofort eine Traube von Freunden um sich herum.“

Fußball - ein Magnet für alle (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl)
Fußball – ein Magnet für alle (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl)

Innerhalb weniger Monate, im März 2007, starteten die beiden Freiwilligen die Fußball-Liga – ein Turnier zwischen etwa 150 Kindern aus Institutionen wie Kinderheimen und Jugendgefängnissen. Schnell wuchs das Interesse an dem Fußballprogramm, doch Ende 2009 stieg Zechs Mitgründerin aus. „Ich stand als 22-Jähriger da mit der ganzen Organisation im Rücken“, erinnert sich Florian Zech, „das war schon eine ganz schöne Last.“

Ein Wendepunkt: Sollte er aufhören – oder in Südafrika bleiben und professionell weitermachen? Zech entschied sich für die Organisation, investierte Teile seines Erbes und viel Energie in das Projekt, suchte nach langfristigen Partnern und Sponsoren, arbeitete an den Programmen. Sein Sportmanagement-Studium, das er in Kapstadt begonnen hatte, brach Zech bald wieder ab, aus Zeitmangel. „Ich wollte das Projekt groß machen und die Überlebensfähigkeit von Amandla sichern“, sagt Zech. Er ist eher ein ruhiger Typ mit leiser Stimme, doch er weiß wovon er spricht, verkauft sein Projekt in professionellem Sportmarketing-Slang.

Fairplay statt Bandenkriege

Was Amandla tatsächlich besonders macht, ist, dass Fair Play und die Weiterentwicklung von sozialen Fähigkeiten im Fokus stehen: auch für gute Teamarbeit, sozialverträgliches Verhalten und Engagement wird ein Ranking erstellt – mit Erfolg, denn anfangs war der Fußballplatz für die Jugendlichen auch eine Arena für Aggressivität und Bandenkonflikte. „Es gab viele blutige Schlägereien und Morddrohungen bei den Spielen“, erinnert sich Florian Zech.

In Khayelitsha gibt es fast an jeder Straßenecke rivalisierende Jugendbanden, denen Jugendliche sich oft schon mit 13 Jahren anschließen, trinken, Drogen nehmen, die Bewohner der Township überfallen. „Auch Mädchen sind Gangster, sie bekämpfen sich, sie stechen sich mit dem Messer, sie schießen, sie killen sich“, sagt eine 15-jährige Fußballspielerin, die gerade einen Ball über das Feld dribbelt, um sich für ein Mädchen-unter-18-Match aufzuwärmen. „Es gibt keine Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen. Sie hören nicht einmal auf, wenn die Polizei kommt.“

"Auch Mädchen bekämpfen sich, sie schießen und sie killen sich", erzählt eine junge Fußballspielerin über die Jugendbanden in Khayelitsha (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl)
“Auch Mädchen bekämpfen sich, sie schießen und sie killen sich”, erzählt eine junge Fußballspielerin über die Jugendbanden in Khayelitsha (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl)

Sie würde am liebsten aus Khayelitsha wegziehen – zumindest auf dem Fußballfeld kann sie alles vergessen. „Das ist ein Platz, an dem ich chillen kann, die anderen bringen mich zum Lachen, ich habe viele Freunde und beim Fußball kann ich allen Ärger herauslassen“, sagt die fußballbegeisterte Südafrikanerin, die nach der Schule Sportmanagement studieren will – wie Florian Zech.

Zech hält die Jugendkriminalität und die Bandenbildung für ein immer größer werdendes Problem – nur der Fußballplatz sei davon ausgeschlossen, selbst wenn Mitglieder rivalisierender Gangs an Fußballturnieren teilnehmen würden. „Das Problem entsteht, sobald sie sich außerhalb des Platzes treffen.“ Die Sonderstellung des Fußballplatzes wurde auch durch die Beteiligung der Gemeinschaft aus Khayelitsha erreicht, von Anfang an.

Was geplant wird, sinnvoll ist, wie die Programme gestaltet werden sollen, wer sie koordiniert – alles entwickelte das Amandla-Team in Zusammenarbeit mit den Township-Bewohnern. „Auch Jugendliche, die in Gangs involviert waren, wurden in die Planung eingebunden – durch deren positive Entwicklung hat das Projekt einen unglaublichen Rückhalt in der Community entwickelt“, sagt Florian Zech.

„Das Feld wird als positiver Platz für die Kinder akzeptiert, dadurch ist die Sicherheit garantiert.“ Anwohner unterstützen das Projekt auch durch ihre Präsenz, Kontrollen bei Spielen, eskortieren teils jugendliche Fußballspieler und Gäste nach Hause. Es könnte auch anders laufen – im benachbarten Township wurde ein Fußballplatz zerstört, weil die Bewohner sich nicht in die Planung eingebunden fühlten.

Zukunftsplanung auf dem Fußballplatz

Während die Sonne langsam untergeht, beginnen außerhalb des Spielfeldes in Khayelitsha die Proteste: Auf den Straßen brennen Reifen, Jugendliche rennen mit Schlagstöcken umher, Autos und Minibusse verstopfen die Straßen. Die Townshipbewohner wollen die Regierung an ihre Versprechen erinnern: vielen fehlen richtige Häuser, Strom, Wasser, Gesundheitsversorgung. Die Townships, in die die schwarze Bevölkerung Südafrikas unter dem Apartheidregime abgeschoben wurde, haben viel aufzuholen.

Amandla will den benachteiligten Jugendlichen aus Khayelitsha als Sprungbrett in eine andere Zukunft dienen – rund um das Fußballfeld zentriert sich ein ganzheitliches Konzept, dass schulische, berufliche, soziale Weiterbildung, gesundheitliche Aufklärung, Empowerment, persönliche Weiterentwicklung umfasst. Gerade arbeitet Florian Zech an der Anerkennung eines Ausbildungssystems – nach der Ausbildung hätten die jungen Coaches, die am „Youth Leadership-Programm“ teilnehmen und neben Trainern auch Lehrer und Vorbilder für die Jüngeren sind, dann eine berufliche Qualifikation.

Erst Spieler, dann Trainer: Bei Amandla werden junge Menschen zu Führungspersönlichkeiten ausgebildet (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl)
Erst Spieler, dann Trainer: Bei Amandla werden junge Menschen zu Führungspersönlichkeiten ausgebildet (Foto: BuzzingCities.com/Sonja Peteranderl)

Durch den speziellen Bildungsansatz zählt Amandla heute zu den Vorzeige-Fußball-Organisationen in Südafrika, auch die WM in Südafrika bescherte dem Projekt viel Aufmerksamkeit. Amandla wurde von der FIFA unterstützt und in das globale Fußballnetzwerk Streetfootballworld integriert, 2010 von der UN-Organisation United Nations Sport for Development and Peace (UNOSDP) als vorbildliches Projekt im Bereich Sport und Entwicklung anerkannt, auch die amerikanische Präsidentengattin Michelle Obama traf Zech und seine Organisation.

„Wir haben uns rasant entwickelt“, sagt Zech, fast überrascht vom Erfolg, aber stolz. „Ich habe viel Zeit, Energie, einen Teil meines Erbes investiert, damit alles rollt“, sagt er. „Und jetzt ist das Projekt unabhängig und wächst – das ist schön zu sehen, gerade wenn man den Nullzustand erlebt hat.“ Heute kümmern sich 12 Festangestellte um die Organisation, fast 100 Menschen profitieren finanziell von Amandla – der Gründer ist nur noch selten auf dem Fußballplatz.

Der 25-Jährige konzentriert sich auf die strategische Ausrichtung, gerade hat er einen neuen Kooperationspartner an Land gezogen: die Oliver Kahn Stiftung, die Amandla mindestens fünf Jahre unterstützt. Auch im Nachbartownship Gugulethu soll ein Fußballfeld wie in Khayelitsha entstehen – später auch in anderen Ländern Afrikas. Und das „Amandla Fair Play System“ möchte Zech international vertreiben – eine Stiftung des Deutschen Fußball-Bund (DFB) hat Interesse gezeigt, das Trainingskonzept mit Fokus auf Sozialkompetenzen für Lehrgänge zu adaptieren.

Für Zechs Zukunft heißt das: Pendeln zwischen Deutschland und Südafrika. „Ich finde es spannend, strategisch zu arbeiten, einen größeren Ansatz zu verfolgen, mich nicht immer mit den täglichen Problemen herumschlagen zu müssen“, sagt der 25-jährige Bayer. Wenn er am Rand des Fußballplatzes in Khayelitsha steht, das soviel mehr ist als bloß ein Feld, wird ihm aber immer wieder klar, wofür er vom Schreibtisch aus jeden Tag kämpft.







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