Was fühlst du, wenn du tötest?

Raub, Mord, Entführung: In der Haftanstalt San Fernando in Mexiko-Stadt sitzen Jugendliche oft mehrere Jahre. Mit einem Theaterprojekt sind sie aus dem Gefängnisalltag ausgebrochen – zumindest für kurze Zeit.

Mexiko-Stadt – Marco klopft mit seinen Turnschuhen auf den Boden, während er spricht, er verkriecht sich in die Decke, die um seine Schultern liegt. „Ich mag fremde Menschen nicht“, sagt er. Menschen, für die der Besuch in der Haftanstalt San Fernando in Mexiko-Stadt nur ein Ausflug ist und die die Freiheit haben, sie jederzeit wieder zu verlassen – eine Freiheit, die Marco nicht besitzt.

Fast vier Jahre sitzt der junge Mexikaner jetzt ein, wegen Mord: 3 Jahre, 10 Monate, 15 Tage, sagt er schnell. So schnell, als würde er im Kopf eine Strichliste führen. Für einen Teenager eine Ewigkeit. „Ich habe die beste Zeit meines Lebens verloren“, sagt Marco und klingt dabei wie ein alter Mann, der lebenslänglich im Gefängnis sitzt, der nicht mehr glaubt, dass es auch danach noch einen Neuanfang geben kann. Obwohl er erst 18 ist.

Als 15-Jähriger hatte er sich mit anderen Jugendlichen geprügelt, erschlug einen Jungen. Seitdem ist das Gefängnis Marcos Leben. Er hat schwarze Haare, ist klein und durchtrainiert, hat sich den Namen seiner Mutter auf die Wade tätowiert, trägt ein blaues T-Shirt, blaue Shorts und sitzt auf einem Stuhl in einer vergitterten, kahlen Halle, die auch eine Bühne ist.

Schauspieler mit krimineller Karriere
An einem Tisch in der Mitte des Raumes müht sich Marcos Mitinsasse Samuel, 19, gerade an einer auf Spanisch übersetzten Gedichtzeile von Bertold Brecht ab, die er in ein Mikrofon spricht, wieder und wieder, bis die Worte vollständig sind, die Betonung stimmt. Der Berliner Theaterregisseur und Dokumentarfilmer Thomas Heise versucht ihn mit Gesten zu unterstützen, zu motivieren. Es sind die Proben für ein Theaterstück, das einmalig sein wird – weil das Publikum hinter die hohen Mauern und durch die Sicherheitsschleusen der Jugendhaftanstalt gelangen muss, weil die Schauspieler das Gefängnis nicht verlassen dürfen.

Raub, Mord oder Entführung sind die Delikte, wegen denen die Jungschauspieler bis zu fünf Jahre im Jugendgefängnis verbringen müssen. Marco und Samuel sind zwei von 16 straffällig gewordenen Jungen und Mädchen zwischen 16 und 19 Jahren, mit denen Heise drei Monate lang ein Theaterstück entwickelt hat – die jungen Frauen wurden jedes Mal mit einem blickdichten Minibus aus ihrer Haftanstalt in das Jungengefängnis San Fernando geschleust. Während der Zusammenarbeit zwischen Gefängnisverwaltung und dem Goethe-Institut ist auch der Dokumentarfilm „Städtebewohner“ entstanden, der Ende 2013 in San Fernando uraufgeführt und dann auf deutschen und europäischen Filmfestivals laufen wird.

Marco hat sich erst gewehrt gegen das Theaterexperiment. Eine dumme Idee, fand er – Menschen aus Deutschland, die ein bisschen spielen wollen, mit den kriminellen Jugendlichen aus Mexiko. „Haut ab, wir sind kein Zoo hier“, habe Marco dem Theaterteam zugerufen, erinnert sich Thomas Heise. „Am Anfang war er uns spinnefeind.“

Jeder für sich

Marco joggte gerade durch den Gefängnishof, als er Thomas Heise wieder einmal begegnete – und ihn fragte, ob er mitmachen könne. Warum er seine Meinung geändert hat? „Ich lerne gerne und habe noch nie geschauspielert“, sagt Marco. „Und ich wusste, dass auch Mädchen kommen.“ Er grinst. An der Anwesenheit der anderen jungen Männer liegt ihm nicht viel: „Hier hast du keine Freunde“, sagt Marco ernst. Der Kampf um die Rangordnung ist hart, oft wird er mit den Fäusten ausgetragen.

Marco ist gerade auf einen Hof verlegt worden, in dem es nur zwei Zellen gibt, mit wenigen Insassen – die harten Fälle. Er hatte sich mit einem Wärter geprügelt, auf Drogen. „Eigentlich bin ich sehr ruhig.“ Jetzt sind sie nur zu viert, aber es sei trotzdem eng. Auf dem Hof bröckelt die Farbe von den Wänden, über den hohen Mauern mit Stacheldraht sind blauer Himmel und ein paar Baumwipfel zu sehen. Ein paar Jungs, die gerade Freigang haben, schrubben ihre Wäsche mit Seife in Wassereimern.

Jede Ablenkung ist gut. „Wir schießen manchmal Tennisbälle gegen die Wand“, sagt Marco. Er joggt, versucht sich mit Kraftübungen fit zu halten, und er leiht sich ab und zu Bücher aus der Gefängnisbibliothek aus, am liebsten Romane. Im Gefängnis bereitet er sich auf seinen Schulabschluss vor, besucht die Gefängnisschule, ein paar Stunden täglich Mathe, Philosophie oder Politik. „Ich war schon immer gut in der Schule und fand es leicht, die Texte für das Theater zu auswendig zu lernen“, sagt er.

In den Standard-Zellen leben mehr als ein Dutzend junge Männer in Stockbetten, wie in der Zelle von Samuel – der stolpert auch deswegen nach drei Monaten noch über seinen Text, weil er nie Ruhe zum Lernen hat, weil immer alle durcheinanderreden und laute Musik abspielen. Theater mag Samuel trotzdem, der für einen Mord verurteilt wurde, aber sagt, dass er es nicht war: „Sonst bin ich den ganzen Tag in der Zelle und denke nach – besser ich probe und kann dann gut schlafen.“

Die Großstadt als Hölle

Bertolt Brecht? Theater? Von Brecht haben die beiden vorher noch nie gehört, nie ein Theater von innen gesehen. Doch die Passagen aus Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“ oder Marx` „Abschweifung über produktive Arbeit“, die sich in dem Theaterstück mit autobiografischen Texten mischen, beschreiben eine Welt, die ihnen nicht unbekannt ist, berichten davon, wie Menschen sich in einer zur Hölle gewordenen Großstadt verlieren, auf einem globalisierten Markt um ihr Überleben kämpfen, von Raub und Mördern, die im Schlaf weinen, vernachlässigten Kindern und einer Gesellschaft, die ihre Verbrecher produziert.

„Die kriminellen Jugendlichen sind auch Opfer, viele wurden von den sozialen Ungleichheiten in Mexiko hervorgebracht“, sagt Gregorio Escobar, Kulturverantwortlicher der Jugendhaftanstalten in Mexiko-Stadt. „Die Mehrheit der Jungen in San Fernando wurde sich selbst überlassen, sie hatten ein Leben voller Gewalt, sind in konfliktreichen Stadtteilen aufgewachsen.“

„Kanonenfutter“ für die Drogenkartelle

Oft seien auch Väter, Mütter oder Onkel im Gefängnis. Es fehlen Bildung, politische und soziale Programme, Vorbilder, Perspektiven – in Mexiko, dessen junge Bevölkerung ein Zukunftspotential sein könnte, erscheinen viele Jugendliche eher als Gefährdungspotential. Millionen zählen zur Generation der „Ni-Ni“s („weder noch“), die weder arbeiten noch zur Schule gehen, und die Kartelle rekrutieren Minderjährige als „Kanonenfutter“, heuern sie als Späher, Dealer, Drogenschmuggler, Entführer oder Auftragsmörder an, für wenig Geld und ein bisschen Ruhm. „Die Mehrheit ist aber wegen Raub hier im Gefängnis“, sagt Escobar. „Manche töten für ein Handy, manche weil sie nervös werden und dann ein Messer oder eine Waffe ziehen.“ Die Konsequenzen ihres Handelns seien den wenigsten bewusst.

Jugendgefängnisse dienten in Mexiko lange dazu, die kriminellen Jugendlichen wegzuschließen – Resozialisierung war nicht vorgesehen. „Es gab viele Menschenrechtsverletzungen, die Jungen waren in einem schlechten Zustand, es war ein System voller Korruption, die Gefängniseinrichtungen waren in einem schlimmen Zustand“, beschreibt Gregorio Escobar das marode Strafvollzugssystem.

Jetzt versucht das Verwaltungsteam der sechs Jugendhaftanstalten in Mexiko-Stadt die Jugendlichen mit bisher ungewöhnlichen Mitteln wie Bildung, Kunst und Kultur wieder an die Gesellschaft heranführen – und als Modellprojekt, ein Vorbild für ganz Mexiko zu sein.

„Ich bin unsichtbar“

Als es tatsächlich so weit ist, die Premiere stattfindet, in dem Gefängnisraum, rezitiert Marco vor 200 Gästen den Text, den er selbst entwickelt hat: „Hallo, ich bin Marco. Mich gibt es nicht. Ich lebe hier. Unsichtbar. Es existiert nur mein Ausdruck. Meine Stimme und mein Gefühl“, sagt er, bevor er in ein Gedicht von Brecht überleitet. Auf der Bühne wirkt er jetzt selbstsicher, souverän – er, den Fremde sonst nervös machen.

Auch Samuel beherrscht seinen Text, im entscheidenden Moment. Ein anderer Insasse, Ever fordert das Publikum heraus, indem er Fragen stellt: „Was machst du? Warum bist du hier? Wie bist du dazu gekommen? Wann hast du angefangen mit den Entführungen? Was fühlst du, wenn du tötest?“

Die Jugendlichen spielen ihren Gefängnisalltag nach und brechen ihn gleichzeitig auf. Mit den Mädchen in ihren bonbonbunten Kleidern werden sie am Ende alle zusammen an einem langen Tisch sitzen, miteinander essen und reden – eine Utopie, die im Gefängnis nicht möglich ist. Das Theaterstück: Ein flüchtiger Moment der Begegnung, zwischen Mädchen und Jungen, Insassen und Gästen.

Angst vor der Wirklichkeit

Doch was bleibt, außer einer schönen Erinnerung für die Schauspieler, der Euphorie, etwas geschafft zu haben, im Mittelpunkt zu stehen? Sie hätten sich verändert, seien nicht mehr so schüchtern, selbstbewusster durch das Theater, sagen Marco und Samuel. Und Samuel sagt, er habe aus dem Gedicht herausgelesen, dass jeder eine zweite Chance verdient.

„Wenn du die Jugendlichen in ein anderes System als das der Gewaltkultur – wie Kunst oder Theater – packst, erweitert das ihren Horizont“, glaubt Gregorio Escobar, der selbst Künstler ist. Ein ehemaliger Insasse habe es bis an eine Kunsthochschule geschafft. „Die meisten verlierst du aber aus den Augen, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen werden und in ihre Stadtviertel zurückgehen.“

Marco wird in nur fünf Monaten wieder zuhause sein. Er würde gerne studieren, Psychologie, irgendwann eine Familie haben. Draußen wartet seine eigene auf ihn: Eltern, ein Bruder, zwei kleine Schwestern. „Aber ich habe Angst davor, das Gefängnis zu verlassen“, sagt Marco. Weil er den Alltag im Gefängnis zwar nicht mag, aber seit Jahren nichts anderes kennt, nicht mehr weiß, wie sich das anfühlt: ein normales Teenagerleben.

Samuel muss noch zweieinhalb Jahre absitzen, Halbzeit – mit dem Theater würde er gerne weiter machen. Doch der 19-Jährige weiß, dass er sich in Freiheit irgendeinen Job suchen muss, der seine kleine Tochter und seine Frau ernährt.

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