Vertrag mit dem Tod

Kanonenfutter: Jugendliche in der mexikanischen Grenzstadt Juárez lassen sich auf den Drogenhandel ein, obwohl sie wissen, dass sie bald sterben können. Ein Interview. 

Verónica Corchado ist in einem der Armenviertel von Ciudad Juárez an Mexikos Grenze zu den USA aufgewachsen. Die Stadt leidet unter den Konsequenzen des illegalen Drogenhandels. Im Interview fordert die Aktivistin Verónica Corchado eine bessere Gesellschafts­politik statt bloßer Militärpräsenz, um Frieden und Wohlstand zu schaffen.

Ciudad Juárez hatte mit mehreren tausend Toten pro Jahr lange die höchste Mordrate weltweit. Das lag an blutigen Auseinandersetzungen zwischen Drogenkartellen, Gangs, Polizei und Militär. Die Gewalt ist zurückgegangen – aber hat sich die Lage tatsächlich beruhigt?
Es ist immer noch eine Situation der Gewalt, wenn auch mit geringerer Intensität. Dass die Mordrate gesunken ist, liegt nur an Abkommen zwischen den mächtigen, rivalisierenden Kartellen. Wenn sich nichts grundlegend ändert, kann das Morden jeden Moment wieder losgehen. Die Mordrate hier liegt ohnehin noch über dem nationalen Schnitt. Dafür sind unsere staatlichen Dienstleistungen unterdurchschnittlich. Was Kulturangebote angeht, stehen wir ganz hinten.

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Warum ist die Gewalt gerade hier so explodiert?
Ciudad Juárez liegt direkt an der US-Grenze und war historisch immer ein Drogenkorridor. Als Alkohol in den USA verboten war, wurde Schnaps geschmuggelt. Hier ist ein starkes Drogenkartell entstanden. Als das Sinaloa-Kartell versucht hat, das Juárez-Kartell zu verdrängen, gab es viele Tote. Auch anderswo in Mexiko fließt Blut, wenn sich Kartelle nicht einigen. Jugendliche sind das Kanonenfutter. Viele sterben, verschwinden oder landen im Gefängnis.

Warum sind Jugendliche aus ärmeren Vierteln unter Tätern und Opfern besonders stark vertreten?
Sie lassen sich auf den Drogenhandel ein, obwohl sie wissen, dass sie bald sterben können. Sie schließen einen Vertrag mit dem Tod, um erstmal gut leben zu können. Ein brillanter Schüler, dem ich ein Stipendium verschaffen wollte, entschied sich für den Drogenhandel. Er sagte, sein Leben entwickele sich „nirgendwohin“ – und das gelte auch für das, was ich ihm anbieten könne. Er wollte mit Drogengeld wenigstens seiner Mutter ein Haus kaufen.

Drogenhandel ist also für viele die einzige Option?
Hunderte von Jugendlichen in Juárez machen gar nichts, sie gehen nicht zur Schule, sie arbeiten nicht. Ich will nichts rechtfertigen, aber angesichts der Abwesenheit des Staates und der gewaltigen Armut suchen die Menschen Lösungen für ihre Probleme. Sie brauchen Lebensmittel, Kleidung, Wohnraum und so weiter. Es ist nicht die Droge, die tötet. Was tötet, ist die Untätigkeit der Regierung und das Fehlen von Solidarität. Der Staat ist von Korruption und Straflosigkeit geprägt. Er regelt nichts für die Menschen, also müssen sie sich selbst organisieren. Niemand will, dass sein Kind Drogen verkauft – aber Eltern wollen auch nicht, dass ihr Kind verhungert.

Wie sieht der Alltag in den Armensiedlungen aus?
Es gibt eine unsichtbare Trennlinie zwischen der guten Zone und den verwundbaren Stadtteilen, den „Dormitorios de las maquiladoras“, den Schlafsälen der Fabriken. Dort holen um vier Uhr morgens die Busse die Arbeiter ab und bringen sie in die Gewerbegebiete. Die Löhne sind aber so schlecht, dass sie kaum bis zum nächsten Tag reichen. Die Menschen rackern, bis das Leben vorbei ist, und haben keine Zeit für ihre Kinder.

Hat sich seit Ihrer Kindheit etwas verbessert?
Es gibt jetzt mehr Schulen, trotz des Drogenkriegs. Das wird sich über die Jahre hinweg auszahlen. Das Problem ist aber, dass die Eltern für Schulmaterialien und den Bus zur Schule einen ganzen Monatslohn aufwenden müssen. Viele Jugendliche müssen zudem schon Kinder ernähren oder ihre Familien unterstützen. Die örtliche Ökonomie hat sich in jüngster Zeit etwas erholt, aber die Situation vieler Leute bleibt prekär. Das Steueraufkommen ist hier wegen der vielen Fabriken hoch, aber davon hat die Stadt nichts. Ein Teil des Geldes sollte ihr für Bildung, Kultur und Gesundheitszwecke zugute kommen.

Felipe Calderón hat während seiner Zeit als Präsident einen „Krieg gegen die Drogen“ ausgerufen und Soldaten eingesetzt. Kritiker sagen, dass das Militär die Gewalt noch verschärft hat. Soldaten werden Menschen­rechtsverletzungen vorgeworfen.
2010 hatten wir eine Truppenstärke von 10 000 Mann in Ciudad Juárez. Wir lebten zwischen Militärs, nationaler Polizei und kommunaler Polizei. Wer soziale Probleme aber nur aus einer kriminalistischen Perspektive betrachtet, hält schnell die gesamte Gesellschaft für pervers, verdächtig und kriminell. Die Sicherheitskräfte töten erst und ermitteln dann. Sie gießen also Benzin ins Feuer. Nötig wären Dialog und eine positive Einstellung zur Bevölkerung.

Präsident Enrique Peña Nieto, der seit 2012 im Amt ist, hat versprochen, der Kriminalität mit ­Sozialpolitik und Prävention den Nährboden zu entziehen.
Die Situation hat sich aber verschlechtert. Die Haushaltsmittel wurden gekürzt und erlauben es uns nicht, Maßnahmen zu ergreifen und gute Programme weiterzuführen, um das Leben der Menschen zu verbessern.

Im Februar wurde „El Chapo“ Guzmán Loera vom Sinaloa-Kartell, der meistgesuchte Drogenboss der Welt, festgenommen.
Die Regierung schmückt sich damit, dass sie diesen gefährlichen Kriminellen gefasst hat. Die Machtstruktur eines Kartells hängt aber nicht von einer einzelnen Person ab. Jede Person kann durch eine andere ersetzt werden. Wir haben auch nichts über El Chapos vielfältige nationale und in­ternationale Verbindungen erfahren. Er muss Unterstützer sowohl im Staats­apparat wie auch in internationalen Mafiaorganisationen gehabt haben.

Wie kann die Gewalt beendet werden?
Das Problem ist multidimensional, also muss auch die Lösung multidimensional sein. Das Ausmaß der Straflosigkeit ist riesig. 98 Prozent der Taten werden nie aufgeklärt. Straflosigkeit und Korruption sind als Folgen unseres Demokratiedefi­zits zwei Seiten derselben Medaille. Mexikaner haben immer nur die Wahl zwischen austauschbaren Kandidaten. Für die Zukunft des Gemeinwohls bieten die beiden großen Parteien keine ernstzunehmenden Alternativen an. Derweil wächst das organisierte Verbrechen – teilweise mit Komplizenschaft des Staates.

Um all das zu ändern, brauchen wir verschiedene Formen von Solidarität – Solidarität als Sozialpolitik, als Aufklärungskampagne gegen Korruption und als kritische Aus­einandersetzung mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Wegen der Gewalt sind wir misstrauisch geworden und haben uns voneinander entfernt. Wir müssen Nachbarn aktivieren, damit sie sich wieder für ihr Viertel einsetzen. Auch die sozialen Netzwerke helfen dabei, die Leute zu politisieren. Die Zivilgesellschaft muss Politiker zur Rechenschaft ziehen – aber das gefällt denen natürlich nicht.

Wäre die Legalisierung von Drogen ein Teil der Lösung?
Ich glaube, dass die Legalisierung von Marihuana wie in Uruguay helfen würde, aber nicht, dass alle Drogen legalisiert werden dürfen. Klar ist aber, dass zu viele Menschen am Drogenhandel verdienen, und wir den Blutzoll dafür zahlen.

Was tun zivilgesellschaftliche Organisationen in diesem schwierigen Kontext?
Angesicht des Staatsversagens kümmern sie sich um viele Dinge – von Mahlzeiten für arme Kinder bis hin zur Dokumen­tation von Frauenmorden. Wir haben Wandbilder gemacht, haben für internationale Aufmerksamkeit gesorgt, Seminare und Debatten abgehalten. Schon 2003 haben wir gewarnt, Juárez sei ein Modell für Mexikos Zukunft. Wir hatten recht. Unser Engagement ist riskant und schmerzhaft. Jeder von uns hat Freunde verloren. Frauen, mit denen ich gearbeitet habe, wurden ermordet. Aber wir dürfen uns nicht in unseren Häusern einschließen, wenn wir wollen, dass die Dinge irgendwann auch wieder besser werden.

Wer bedroht zivilgesellschaftliche Aktivisten, Journalisten und andere Menschen, die sich engagieren?  
Das lässt sich oft nicht genau sagen. Die Gefahr kann von Politikern, Polizei, Militär und Kartellen ausgehen. Die Kriminellen sind intelligent, und sie wissen, dass es für sie gefährlich ist, wenn es dir gelingt, staatsbürgerliches Bewusstsein und Solidarität unter den Bürgern zu schaffen. Sie  profitieren von den bisherigen Verhältnissen.

Kann die internationale Gemeinschaft helfen?
Mexiko ratifiziert zwar internationale Menschenrechtsabkommen, hält sie aber nicht ein. Damit sich das ändert, muss die internationale Gemeinschaft die Implementierung ihrer Verträge aufmerksamer be­obachten. Letztlich wurden wir mit der Barbarei in Juárez allein gelassen – mit der Armut, mit Tausenden Soldaten und den Kartellen. Und jetzt werden die Haushaltsmittel gekürzt. Was keiner versteht, ist, dass sich alles in wenigen Jahren wiederholen wird, nur extremer und gewalttätiger. Auch viele große Unternehmen und Fabriken in Ciudad Juárez sind international, also haben sie eine soziale Verpflichtung. Aber die Unternehmer, auch die mexikanischen, leben nicht hier, sondern in Sicherheit in den USA, zum Beispiel in El Paso, gleich auf der anderen Seite der Grenze. Sie haben so das Gefühl, dass das, was hier passiert, sie nichts angeht. Sie müssen aber daran mitarbeiten, das Leben hier wieder lebenswert zu machen.

Verónica Corchado setzt sich als Mitgründerin von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie „Saludo y Bienestar Comunitario“, „Movimiento pacto por la cultura“ und „Colectivarte“ für den friedlichen Wandel in Ciudad Juárez ein.

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