Wir übermalen die Angst

Misstrauen, Angst, Leere: Juárez in Mexiko galt lange als gefährlichste Stadt der Welt. Die Künstlergruppe Jellyfish will das Image ihrer Heimat aufpolieren und übertüncht den Schrecken mit grellen Wandgemälden.

Ciudad Juárez – Es nervt die Clique von Leonel “Pilo” Portillo Ida, wenn sie erzählen, dass sie aus Ciudad Juárez kommen – und nur ehrfürchtigem Schaudern begegnen. Viele Mexikaner halten die mexikanische Grenzstadt für eine Todeszone, unzugängliches Terrain. Tatsächlich führte Juárez lange vor allem negative Rankings an: höchste Mordrate der Welt, Stadt der Frauenmorde, dazu eine von Korruption durchdrungene Polizei und Politik.

“Aber Gewalt ist etwas, was passiert – nicht nur in Juárez, sondern in ganz Mexiko”, findet der 26-jährige Pilo. “Wir wollen uns auf eine andere Art präsentieren, und die Menschen mit viel Phantasie und Farbe glücklich machen, die Stadt verändern.” Mit seiner Freundin Atenas hat er “Jellyfish” gegründet, eine inzwischen fünfköpfige Kreativtruppe, die Kunstprojekte und Ausstellungen organisiert – und Juárez einen neuen Anstrich verpassen, den öffentlichen Raum mit Street-Art wiederbeleben will.

Jellyfish: Farbe für Ciudad Juárez (Foto: Sonja Peteranderl)
Jellyfish: Farbe für Ciudad Juárez (Foto: Sonja Peteranderl)

Jellyfish (Foto: Sonja Peteranderl)

Die Spuren der Gewalt haben sich ins urbane Relief gegraben: leerstehende Häuser in vielen Vierteln, Freiflächen mitten in der Stadt, auf denen nur noch Grundrisse stehen, ab und zu ganze Straßenzüge voller verlassener Geschäfte und Restaurants. Viele Bars und Clubs mussten schließen, als die Bewohner von Juárez sich in ihre Wohnzimmer zurückzogen, weil der Krieg zwischen rivalisierenden Kartellen, Gangs, Polizei und Militär eskalierte – und Morde und Schießereien sich nicht nur an den Außenrändern der Stadt, sondern auch mitten im Zentrum, in Bars, vor Einkaufszentren ereigneten.

Stadt voller Narben

Ciudad Juárez ist eine Stadt voller sichtbarer und unsichtbarer Narben – und die Leinwand der fünf sympathischen Hipster vom “Jellyfish Colectivo”, die Spitznamen haben wie Comicfiguren und mit ihren Sonnenbrillen, Röhrenjeans und dem wuchtigen, roten Ford Taurus, mit dem sie durch Juárez fahren, aussehen wie eine Rockabilly-Band.

Pilo, Francisco “Pika” Alfredo Chávez Flores, Alfonso “Poncho” de la Cruz, Ricardo “Kukui” Herrera Gonzalez und Atenas Campbell de la Cruz schlendern über einen heruntergekommen, versteckten Platz im Zentrum: Früher wurden hier Partys gefeiert, heute sind alle Bars rundherum geschlossen. Auf einem Haus erhebt sich ein riesiger, knallpinker Fuchs, die Pop-Art-Interpretation eines Fabelwesens des spanischen Schriftstellers Cervantes.

Die Werke der Clique lassen sich von Weitem erkennen. Auf Mauern, Häuserwänden, Garagentoren und Plätzen in Juárez prangen phantasievolle Farbexplosionen: surreale Monster, bunte Vögel oder Figuren, die von Mexikos prähispanischer Geschichte inspiriert sind, Straßenpoesie. Politische Botschaften gegen den Krieg um Drogen, Macht und Märkte, der in Mexiko tobt, sparen sie sich.

Verwitterte Wände beleben (Foto: Sonja Peteranderl)
Verwitterte Wände beleben (Foto: Sonja Peteranderl)

“Wir finden es sinnlos, die tägliche Gewalt zu kommentieren”, sagt Pika, ein kleiner, sanfter Mexikaner in Jeansjacke. Morde, Verbrechen, Korruption würden sowieso schon die Schlagzeilen über Ciudad Juárez dominieren. Und er findet, dass Künstler, die aus dem Ausland oder aus anderen Teilen Mexikos nach Juárez kommen, sich es oft zu leicht machen: “Manche setzen sich ein paar Monate ins Hotel, tippen dort im Internet herum, und nutzen dann das Schlimmste von Juárez, die extreme Gewalt, für ihre Werke.”

Als die Gruppe sich 2010 zusammenfand, war Juárez im zweiten Jahr in Folge die Stadt mit der höchsten Mordrate der Welt, mit mehr als 3100 Toten in einem Jahr. Läden und Bars schlossen, die Straßen verwaisten – und lokale Künstler und Intellektuelle versuchten, mit Kultur ein Gegengewicht zur Gewalt zu schaffen.

Die Street-Art-Szene schrumpfte aber: Denn Künstler wussten nicht, ob sie auf der Straße von Polizisten oder Narcos belästigt werden würden. Und es fehlten Orte, um Ausstellungen zu organisieren.

Das “Jellyfish”-Kollektiv hat trotzdem durchgehalten – weil es ihnen Spaß macht, was sie tun. Ihre Werkstatt haben sie in dem Haus eingerichtet, in dem Kukui mit seiner Mutter lebt. Hier lagern Kisten voller Sprühdosen, Siebdruck-Bilder von den letzten Ausstellungen, an den Wänden hängen besprühte Schallplatten, Masken und ein grün besprenkeltes Plastik-Sturmgewehr, Farbkleckse überall.

In einem großen Fabrikgebäude haben sie sich ein Büro gemietet, das auch ein Berliner Start-Up beheimaten könnte: ein schmaler Raum, zwei Tischreihen mit Flatscreens, auf der sie gerade Szenen eines Animationsfilmes bearbeiten, eine Stellwand mit bunten Masken, von Pilos Opa ausrangierte Spielautomaten, auf denen sie in Pausen “Pacman” spielen.

Inzwischen ist die Gewalt in Juárez zurückgegangen, wohl weil es einen Pakt zwischen den Kartellen gab. “Früher haben wir ständig Schießereien gehört und es gab 20 oder 25 Morde am Tag, jetzt sind es vielleicht fünf oder sechs”, erzählt Kukui, mit 39 Jahren der Älteste der Gruppe, ein ruhiger Typ mit Basecap und HipHop-Klamotten. Mexikanische Städte wie Acapulco, Torreón oder Nuevo Laredo haben heute eine höhere Mordrate pro Einwohner als Juárez.

Kollektive Paranoia

Dass die Stadt sich in ein Idyll verwandeln könnte, glaubt Kukui nicht – es werde nie aufhören, weil die Grenze an den USA das Drehkreuz für Drogen sei. Und die “kollektive Paranoia”, wie die Jellyfish-Truppe es nennt, sitzt tief. Viele trauen nicht einmal mehr den Nachbarn, fast jeder hat während des Drogenkrieges Bekannte oder Verwandte verloren. Und in Juárez wächst eine ganze Generation von Kindern ohne Väter oder Mütter heran.

Die “Jellyfish”-Gruppe bietet deswegen Street-Art-Workshops an Schulen und in den ärmeren Siedlungen der Stadt an, die besonders von der Gewalt betroffen sind. Sie bemalen Häuser und Turnschuhe mit den Kindern, bringen Jugendlichen Siebdruck und Graffiti-Techniken bei. “Viele finden Street Art cool und können es dann selbst machen”, sagt Atenas. “Es kann ihnen zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, sich zu entwickeln.”

Foto: Sonja Peteranderl
Atenas: „Ich glaube, die Leute brauchen Zeit, um wieder auf die Straße zu gehen“ (Foto: Sonja Peteranderl)

Die zierliche 26-Jährige glaubt, dass den Jugendlichen aus Juárez Vorbilder, Inspiration, Freizeitangebote fehlen. Als Teenager hat sie sich mit ihren Freunden im Nachtleben der Grenzstadt amüsiert – heute lassen Eltern ihre Kinder kaum auf die Straße gehen. Auch ihre jüngere Schwester sitze nur zu Hause, vor dem Fernseher oder Facebook.

“Ich glaube die Leute brauchen Zeit, um wieder auf die Straße zu gehen”, sagt Atenas. “Manchmal gelingt es uns, sie auf die Straße zu ziehen – nicht alle Leute, aber vielleicht ein paar.” Wenn die Künstler von “Jellyfish” ihre riesigen, bunten Wandbilder in Juárez malen, kommen jedes Mal neugierige Passanten, Nachbarn und sogar Polizisten vorbei, fragen nach, manche bringen den Künstlern sogar etwas zu essen.

Die “Jellyfish”-Truppe hofft, dass Kunst Raum für Kommunikation eröffnen kann, dabei hilft, dass die Menschen wieder mehr Vertrauen zueinander fassen. “Wir werden aber erst in zehn oder 15 Jahren sehen, ob wir es wirklich schaffen, etwas zu verändern”, sagt Kukui – wenn die Generation, die mit dem Drogenkrieg groß wurde, erwachsen geworden ist.

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