Mexikos schmutziger Zuckerkrieg

Mit einer Softdrink-Steuer, die Pioniercharakter hat, kämpft Mexiko gegen Fettleibigkeit und Diabetes. Doch die Industrielobby schlägt zurück – sogar mit Spionagesoftware.

Von Sonja Peteranderl 

Am 17. August 2016 erreichte Dr. Simón Barquera eine SMS-Nachricht, dass seine Tochter gerade einen Unfall gehabt hätte, ihr Zustand sei ernst – mit einem Link zu dem Ort, an dem sie angeblich im Krankenhaus war. Doch die Nachricht war eine Falle. Sie sollte Barquera dazu animieren, auf den Link zu klicken, um Spionagesoftware auf seinem Smartphone zu aktivieren, die die Überwachung von Anrufen, Nachrichten, Kamera, E-Mail, GPS, Kontakten und Passwörtern erlaubt.

Es war nur die letzte Nachricht in einer ganzen Serie von digitalen Attacken, die immer aggressiver wurden. Einem Bericht des Citizen Lab der Universität Toronto zufolge erhielt Dr. Simón Barquera zwischen dem 11. Juli und dem 17. August neun Nachrichten mit infizierten Links: Ein angeblicher Liebhaber schickte ihm einen Link, hinter dem sich Fotos seiner Frau verbergen sollten, ein Fake-Freund teilte ihm die Beerdigungsdaten seines Vaters mit.

Mexikos Zuckerkrieg wird inzwischen auch digital ausgefochten – mit Attacken gegen Gesundheitsexperten und Aktivisten, die sich für strengere Gesetze und Regulierungen engagieren, um Mexikos Gesundheitskrise in den Griff zu bekommen und Übergewicht und Krankheiten wie Diabetes zu bekämpfen. Neben Dr. Simón Barquera, einem angesehenen Gesundheitsexperten von Mexikos  Instituto Nacional de Salud Pública (Nationalem Institut für Öffentliche Gesundheit) erhielten auch Alejandro Calvillo, Gründer der Verbraucherschutzorganisation “El Poder del Consumidor” (“Die Macht des Verbrauchers”) sowie Luis Encarnación von dem Netzwerk „Coalición ContraPESO“ („Koalition GegenGewicht“) Nachrichten mit infizierten Links.

Sie alle hatten kurz vor den Attacken bei einer Konferenz eine klarere Etikettierung von ungesunden Produkten sowie eine Erhöhung der mexikanischen „Softdrinksteuer“ gefordert. 2014 war die innovative Steuer als Teil eines Maßnahmenpaketes beschlossen worden. Zuckerhaltige Erfrischungsgetränke wie Coca Cola oder Limo werden seitdem mit einem Peso pro Liter, etwa 10 Prozent des Verkaufspreises besteuert. Für Getränkehersteller geht es um ein Milliardengeschäft.

Das Geheimnis des Zuckerwassers

“Refrescos”, Softdrinks wie Cola oder Limo, gehören ebenso zum mexikanischen Alltag wie Fleisch und „Vitamin T“: Kohlenhydratreiches Fast-Food wie Tacos, Tortillas oder Tamales, das an jeder Straßenecke verkauft wird. Beim Pro-Kopf-Verbrauch von zuckerhaltigen Getränken liegt Mexiko global ganz vorn: Durchschnittlich trinkt jeder Mexikaner 163 Liter der zuckerhaltigen Erfrischungsgetränke, fast einen halben Liter täglich. Doch das Land ist auch globaler Champion bei Übergewicht und Diabetes. Mehr als zwei Drittel der erwachsenen Mexikaner leiden einem UN-Bericht zufolge an Übergewicht oder Fettleibigkeit. Das Land hat inzwischen sogar die USA als Nation mit den meisten Übergewichtigen abgelöst.

Der OECD zufolge hat Mexiko unter Entwicklungsländern die höchste Rate von Diabetes-Fällen, Diabetes und Herzkrankheiten zählen zu den häufigsten Todesursachen. Schon kleine Kinder sind übergewichtig, erkranken an Diabetes oder leiden an Folgeerkrankungen wie Schlaganfällen, Nieren-, Netzhaut- oder Nervenschäden. „Was die Zuwachsraten der Fettleibigkeit betrifft, liegen wir nicht mehr bei den Geschwindigkeiten der 90er, aber es ist auch nicht gelungen, sie zu verringern“, sagt Simón Barquera. Die Zukunft Mexikos hänge davon ab, ob es gelinge, eine effektive Gesundheitspolitik durchzusetzen und die Bevölkerung zu aktivieren.

Vor allem vielen Familien mit geringem Einkommen fehlt das Wissen um gute Ernährung, aber auch das Geld oder die Zeit, um gesunde Lebensmittel zu kaufen und selbst zu kochen – so wird das Problem an die nächste Generation weitervererbt. Dr. Abelardo Ávila Curiel von Mexikos Nationalem Lebensmittelinstitut bezeichnete Mexikos Übergewichtsproblem in einem CBS-Interview als „eine ernsthafte Epedemie“. „In den armen Bevölkerungsschichten haben wir übergewichtige Kinder Eltern und schlechternährte Kinder“, so der Wissenschaftler. „Das Schlimmste ist, dass die Kinder so auf Fettleibigkeit vorprogrammiert werden.“

Hinter dem Erfolg der Softdrinks, die oft nicht mehr beinhalten als Zuckerwasser, steckt vor allem cleveres Marketing. Konzerne wie Coca-Cola and PepsiCo geben jedes Jahr Milliarden aus, um die Getränke auch im Alltag von Kindern, gesellschaftlichen Minderheiten und einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen zu verankern. Länderweite Distributionssysteme bis in entlegene Dörfer hinein, Kampagnen und andere Aktionen sorgen für einen Massenabsatz. Verteidigt werden die Profite mit politischem Lobbying, Spenden an Gesundheitsorganisationen und Wissenschaftler, deren Studien die gesundheitliche Wirkung der Getränke, und Sozialkampagnen oder Sportevents, die das Image der Konzerne verbessern.

Seit 1926 produziert und verkauft Coca Cola in Mexiko Softdrinks. In den 1950er Jahren begann der Konzern dort mit massivem Marketingkampagnen den Absatzmarkt zu erobern. „In den 1970er Jahren waren Soft Drinks als Komponenten des Alltags fest etabliert“, schreibt die Gesundheitsexpertin Dr. Marion Nestle in ihrem Buch „Soda Politics“. Die Verbindungen des Konzerns reichen bis hinauf in die Machtelite. Vicente Fox war Lateinamerika-Chef für Coca Cola, bevor er 2000 zum Präsidenten gewählt wurde. Während seiner Amtszeit stieg der Konzern zum Marktführer auf, konnte seinen Umsatz fast verdoppeln.

In Mexiko hat sich der Getränkehersteller auch indigene Bevölkerungsgruppen als Zielgruppe erschlossen, die oft unter Diskriminierung, Armut, Unter- und Mangelernährung und eingeschränkten Bildungs- und Aufstiegschancen leiden. Das Getränk ist sogar auf Dörfern erhältlich, in denen öffentliche Versorgung mit Dienstleistungen wie Schulen, sauberem Trinkwasser oder Internet fehlt. In San Juan Chamula, einem Dorf im Süden von Mexiko, hat die Tzotzil-Bevölkerung Cola-Flaschen sogar in ihre heiligen Rituale eingebaut. Mit dem Rülpsen nach dem Trinken entweichen angeblich auch die bösen Geister. Auf Plakatwänden im Dorf wirbt Coca Cola mit lokal aussehenden Models, die Ponchos aus weißer Schafwolle tragen.

Vor Weihnachten 2015 veröffentlichte der Konzern einen Spot, der die Diskriminierung von indigenen Mexikanern und ihren Sprachen anprangern wollte und Vielfalt und Zusammenhalt vermitteln wollte. Eine Gruppe weißer, schlanker Jugendlicher beglückt ein indigenes Dorf im Süden von Mexiko – mit Party-Dekoration und Coca Cola. Das Video ging viral, allerdings anders als der Getränkehersteller sich das vorgestellt hatte. Tausende von Mexikanern beschwerten sich über den Kolonialismus und das Konsumversprechen als vermeintliche Lösung für die soziale Kluft. Eine Koalition aus Verbraucherschutzorganisationen prangerte den Spot als „Angriff auf die Würde“ von indigenen Menschen an. Die Firma entschuldigte sich und zog den Spot zurück.

Reformpaket gegen das Übergewicht

“Die Beteiligung der Bevölkerung ist in den vergangenen Jahren dank der sozialen Netzwerke stark angestiegen”, sagt Simón Barquera. Ganz Lateinamerika teile in den sozialen Netzwerken Informationen zur Gesundheitskrise und organisiere sich. Das Problem: Auch die Gegenseite setzt auf digitale Kampagnen. “Leider haben die, die sich aufgrund von Interessenskonfliken einer am Gemeinwohl orientierten Gesundheitspolitik entgegenstellen, mehr Budget und neutralisieren so den Widerstand in den sozialen Netzwerken.” Einzelne Bemühungen in lateinamerikanischen Ländern seien zwar erfolgreich gewesen, aber es fehle eine koordinierte, internationale Antwort, um die Empfehlungen der Vereinten Nationen umzusetzen – und ein Kompromiss der Industrie, die politischen Strategien gegen Fettleibigkeit zu respektieren, ohne zu intervenieren.

Letzteres bleibt eine Hoffnung. Mexiko hat zwar 2013 eine Nationale Strategie für die Prävention und Kontrolle von Übergewicht, Fettleibigkeit und Diabetes auf den Weg gebracht, 2014 wurde die Softdrink-Steuer umgesetzt. Doch in weiten Teilen entsprach die Reform eher einer Art Selbstverpflichtung der Lebensmittelkonzerne, mit zahlreichen Schlupflöchern.

„In Mexiko fehlt eine strikte Regulierung von Werbung für Getränke und Nahrungsmittel, die sich an Kinder richtet, und eine Etikettierung, bei der sich schnell erkennen lässt, ob ein Produkt ungesund ist und warum“, kritisiert Barquera. Auch ein Verbot von Werbung für ungesunde Lebensmittel und Getränke im Bereich von Schulen und Hinweise auf Werbung und Verpackungen von zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken, welche Produkte Diabetes und andere gesundheitliche Schäden verursachen könnten, hält er für sinnvoll. Ebenso besteht im Bereich Prävention und beim Selbstmanagement der Krankheit durch Betroffene Nachholbedarf. Staatliche Kampagnen könnten den Verbrauch von Wasser statt Softdrinks fördern, auch Sportangebote könnten helfen.

„Die Getränkefirmen, vor allem die transnationalen, sind zweifellos die größte Hürde, und die, die am aktivsten kämpfen, um zu verhindern, dass die politischen Strategien für öffentliche Gesundheit ihr Ziel erreichen, den Zuckerkonsum im Land zu verringern”, so Simón Barquera. „Diese Konzerne haben Druck auf den Kongress ausgeübt, sie haben versucht an Organismen teilzunehmen, die Entscheidungen treffen, und sie fördern Stiftungen finanziell, die ihre Positionen unterstützen.“

Dennoch: Die mexikanische Zuckersteuer gilt als Erfolg. Eine Anfang 2016 in der medizinischen Fachzeitschrift BMJ veröffentlichten Studie attestiert der Steuer einen positiven Effekt: Mexikaner kauften bis Dezember 2014 zwölf Prozent weniger der steuerpflichtigen Softdrinks ein. Vor allem einkommensschwache Haushalte stellten ihr Konsumverhalten als Reaktion auf den Preisanstieg stärker um. Kontinuierliches Monitoring sei den Autoren zufolge allerdings notwendig, um das langfristige Konsumverhalten und Auswirkungen auf die Gesundheit zu analysieren – und zu welchen Alternativgetränken Mexikaner greifen, wenn ihnen die Softdrinks zu teuer sind. Untersuchungen belegen auch, dass die Softdrink-Steuer keinen negativen Einfluss auf die Wirtschaft hat, also aufgrund der Verluste durch die Steuer keine Massenentlassungen stattfinden müssen – eines der Hauptargumente der Industrie.

Sowohl die Getränkehersteller, die um ihre Umsätze fürchten, als auch andere Länder weltweit beobachten die Entwicklungen in Mexiko genau: Denn das Land könnte als globales Modell dienen, wenn die Steuer nachweislich funktioniert. Im Herbst 2016 hat England angekündigt, ab 2018 eine Zuckersteuer zu erheben, die “Soft Drinks Industry Levy” (SDIL).

Nächste Etappe im Zuckerkrieg

Auf die Bedrohung ihrer Macht und Marktanteile reagieren die Konzerne aggressiv. „In Mexiko hat sich die Verteidigung der Gesundheit in eine Gefahr verwandelt“, warnte der Verbraucherschutz-Aktivist Alejandro Cavillo nach den Cyberangriffen. „Politik gegen Diabetes und Übergewicht voranzutreiben, bedeutet nicht nur, sich der ökonomischen Macht der riesigen Getränkeindustrie und der Fast-Food-Industrie entgegenzustellen, sondern auch ihren Verbündeten auf Regierungsseite.“ Simón Barquera hält sich bedeckter: “Ich weiss nicht, ob die Angriffe von der Regierung kommen”, so Barquera. “Das einzige, was ich sicher weiss ist, dass Leute mit Zugang zu einer sehr teuren Technologie wissen wollen, was wir tun und das muss dringend untersucht werden, weil es illegal ist und eine Strategie der Einschüchterung.”

Die digitalen Angriffe offenbaren jedenfalls eine ungesunde Nähe zwischen Politik und Wirtschaftsinteressen: „Es gibt keinen endgültigen Beweis, dass die Angriffe von der Regierung kommen, aber viele Indizien“, sagt Carlos Brito von der IT-Organisation R3D. „Wir werden deswegen rechtliche Schritte einleiten.“ Denn der Absender der Spionagesoftware „Pegasus“, mit denen die Gesundheitsexperten attackiert wurden, ist die israelische Firma NSO Group – die ihre Produkte nur an Regierungen verkauft. Die mexikanische Regierung ist Kunde der IT-Firma, zudem wurde auch der mexikanische Journalist Rafael Cabrera mit derselben Technologie ausgespäht – er arbeitet für das Investigativteam der bekannten Journalistin Carmen Aristegui, das etwa Korruption im Regierungsapparat enthüllt hat. Mexikanische Regierungsbehörden wie der Geheimdienst CISEN, die Bundesstaatsanwaltschaft sowie das Verteidigungsministerium haben Technologien des Schadsoftwareherstellers erworben. Auf den Überwachungsskandal gab es „bisher gar keine Reaktion der Regierung“, so Brito – auch das Schweigen sei eine Antwort. Vermutlich sind sogar noch mehr Aktivisten und Journalisten von digitalen Angriffsversuchen betroffen.

Mexikos Zuckerkrieg ist längst nicht ausgefochten. Lobbyisten versuchen mit allen Mitteln, die Interessen der Industrie durchzusetzen. Mexikos Softdrinksteuer ist ein Schritt in die richtige Richtung – aber eben keine Wunderwaffe.

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