Narben vom Krieg

Kolumbien ringt um eine Zukunft. Doch kriminelle Banden und Korruption, die in das Vakuum drängen, das die FARC hinterlassen hat, gefährden den Frieden

Von Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl

ITUANGO – „Hier wollten sie mich erschießen“, sagt Igor Osvaldo Mantilla und deutet auf den Marktplatz von Ituango, einer Kleinstadt inmitten der kolumbianischen Berge. „Aber Ituango hat mir drei neue Leben geschenkt.“ Wenn man die Geschichte des Ortes nicht kennt, nichts von den Massakern und Massengräbern weiß, könnte man glauben, dass Ituango ein Paradies sei, ein Idyll: Alte Männer mit Cowboyhüten dösen auf einer Bank, in bunten Blechhütten bieten Dorfbewohner Tomaten, Bananen und Bohnen an, Bauern stiefeln mit ledrigen Peitschen und Macheten im Hosenbund über den Platz. Kinder spielen in der Sonne, daneben werden Kaffeesäcke von Eseln abgeladen.

1995 legte die FARC-Guerilla die Kleinstadt in Antioquia, im Nordwesten Kolumbiens, in Schutt und Asche. Hunderte von Kämpfern stürmten den Ort,  besetzten ihn 24 Stunden lang. Sie legten Telefonleitungen und Strom lahm, zerstörten Läden, befreiten 38 Inhaftierte aus dem Gefängnis und brannten es ab, griffen die Polizeistation an. Igor Osvaldo Mantilla arbeitete gerade in dem Gebäude, als es von Granaten zerfetzt wurde. Doch er hatte Glück, überlebte die Explosion. “Kein Stein blieb auf dem anderen”, erinnert Mantilla sich. Dann zerrten die FARC-Kämpfer ihn, der damals als Polizeikommandant in Ituango stationiert war, auf den Marktplatz. Er musste sich hinknien, sie hielten die Gewehre auf seinen Kopf gerichtet. Nur die Bewohner von Ituango, die die FARC-Soldaten anflehten, nicht abzudrücken, Mantilla mit ihren eigenen Körpern abschirmten, hielten sie davon ab. „Ich verdanke Ituango alles“, sagt der Mann mit dem angegrauten Bürstenhaarschnitt.

Jetzt steht Ex-Polizist Mantilla in T-Shirt und Jeans auf dem Marktplatz, er trägt keine Waffe mehr – so wie die FARC-Truppen, die nach zähen Verhandlungen Tausende von Waffen abgegeben haben. Vor zwei Jahren wurden der historische Friedensvertrag zwischen der Regierung und der Guerilla unterzeichnet, gerade hält Kolumbien die ersten Präsidentschaftswahlen nach dem Ende des Bürgerkrieges ab. Aber kommt der Frieden tatsächlich auf dem Land an, in abgelegenen Orten wie Ituango, die jahrzehntelang nur Wellen der Gewalt erlebt haben, durch die Guerillas, aber auch paramilitärische Truppen? Und in denen die Staatsmacht selbst, Polizei und Militär an Massakern und Menschenrechtsverbrechen beteiligt waren?

Spuren vom Krieg: Militär und Polizei sind immer noch in Ituango präsent – mehrere Hundert Mann wurden als Verstärkung entsandt, weil Paramilitärs und FARC-Splittergruppen um das Gebiet kämpfen (Foto: Sonja Peteranderl/BuzzingCities Lab)
Spuren vom Krieg: Militär und Polizei sind immer noch in Ituango präsent. Mehrere Hundert Mann wurden als Verstärkung entsandt, weil Paramilitärs und FARC-Splittergruppen um das Gebiet kämpfen (Foto: Sonja Peteranderl/BuzzingCities Lab)

Der Boden ist brüchig, auf dem sich die Menschen in die Zukunft vortasten. Es gibt nur eine schmale Straße, die von Medellín 200 Kilometer, in fünf Stunden, nach Ituango führt. Der Weg schlängelt sich auf dem Gebirge entlang, das steil zum Fluss hin abfällt. Bis vor kurzem hatten FARC, Paramilitärs und Militär hier Straßensperren aufgestellt, kontrollierten alle Passagiere. Vermeintliche Verräter wurden von den kriminellen Gruppen exekutiert. Leichen wurden auch im Fluss, dem Río Cauca, entsorgt.

Dass die Region schwer zugänglich ist, macht es für kriminelle Banden zum perfekten Rückzugsgebiet, dazu liegt Ituango in einem klassischen Drogenschmuggelkorridor. Die riesige Gemeinde mit den zersprengten Dörfern zieht sich von Urabá, wo die Drogen am Hafen verschifft werden, bis zum Verwaltungsgebiet von Cordoba, einem strategischen Gebiet krimineller Banden. In dem warm-feuchten Klima von Ituango blühen seit der Jahrtausendwende überall Koka-Felder, für viele Bauern die Haupteinnahmequelle. Erst kontrollierte die FARC den Handel, dann drängten andere Gruppen ins Geschäft. In den 70ern setzen sich Guerilla-Truppen in der Bergregion fest, in den 90ern begannen paramilitärische Truppen das Gebiet einzunehmen, sie massakrierten ganze Dörfer. Zehntausende Menschen wurden vertrieben, die Bevölkerung geriet zwischen die Fronten von Guerilla-Truppe, paramilitärischen Banden und Militär.

„Bis vor zwei, drei Jahren, als die FARC sich zurückgezogen hat, hatten wir Angst auf die Straße zu gehen, jeden Tag passierte etwas, Drohungen, Attentate, Schutzgelderpressung war Alltag“, sagt Jorge Gallo und streicht sich über seinen kahlen Kopf. „Die Hoffnungslosigkeit war extrem, jetzt mit dem Frieden hat sich das ein bisschen verbessert. Aber ein paar Monate, nachdem der Friedensvertrag geschlossen wurde, sind neue Gruppen aufgetaucht, und haben wieder mit Drohungen angefangen, mit Vertreibungen, Morden. Wir haben Hoffnung auf den Frieden, aber wir wissen nicht, was passiert.“ Jorge Gallo ist in Ituango aufgewachsen, jetzt versucht er mit seinem Team die von der Regierung entwickelte politische Vision in etwas zu verwandeln, was sich greifen lässt.

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Warten auf den Frieden: Die Bewohner von Ituango sind misstrauisch, ob der Friedensprozess funktioniert. Sie leben seit Jahrzehnten zwischen den Fronten (Foto: Julia Jaroschewski/BuzzingCities Lab)

Die Unterzeichnung des Friedensvertrages vor zwei Jahren war ein historischer Schritt – aber nur der Anfang eines steinigen Weges. „Es hat 60 Jahre gedauert, bis der Staat endlich mal hier angekommen ist, wir brauchen jetzt nicht schön den Frieden zu vermarkten, da winken die Leute ab“, so Gallo. „Die Bauern, die soviel Gewalt erlitten haben, glauben nicht an den kolumbianischen Staat – und vom Schreibtisch aus kann man den Frieden nicht erreichen.“ Die Politiker müssten nach Ituango kommen, investieren, sich um Sicherheit und um die Opfer kümmern.

Das Hauptquartier des Friedens wirkt noch improvisiert. Im untersten Stock des Rathauses haben sich die Friedensinitiativen einquartiert, jedes Projekt hat ein kleines Büro, in dem ein paar Stühle, Tische aufgestellt sind. Poster hängen an der Wand, die für den Frieden werben. Andere kartieren die Vergangenheit, legen Verschwundenendatenbanken an, versuchen, die Opfer der Massaker in der Umgebung zu suchen – das Team von Gallo bastelt an der Zukunft. Sie haben sich mit Gemeinschaftsvertretern aus all den abgelegenen Siedlungen vernetzt, in denen die FARC präsent war, sie machen Workshops mit Bauern, diskutieren mit den Menschen konkrete Themen, die alle betreffen: Bildung, Gesundheit, Landbesitz, Einkommen, die Recht auf Nahrung und das Zusammenleben in Frieden – und versuchen Lösungen für kleine Probleme zu finden, ein neuer Anstrich für die Schule, oder Internet zu schaffen. Die kleinen Schritte sind der Anfang eines Riesenprojektes: „Das Land soll komplett erneuert, transformiert werden, die Bedürfnisse der Bauern sollen endlich befriedigt werden“, so Gallo. Ob es dazu kommen wird? Gallo hält sich an der Hoffnung fest: “Wir haben gelitten, geweint, wir reden mit richtig armen Bauern, aber in jedem der Bereiche gibt es auch Gutes, viel Potential – wie den Wunsch nach vorn zu schauen“, sagt Gallo. „Die Leute sind voller Hoffnung, aber sie haben auch Angst.“ Mit seiner Arbeit will Jorge Gallo kleine Fenster schaffen, die zeigen, wie ein Land in Frieden aussehen kann.

Im Büro nebenan arbeitet auch Ex-Polizist Mantilla daran, den Kreislauf der Gewalt zu brechen. Als Sicherheitsexperte für die Region analysiert er die Lage, entwickelt Anti-Gewalt-Strategien für Jugendliche – damit die Generation, die im Krieg aufgewachsen ist, ihn hinter sich lässt. Mit drei jungen Studentinnen, die in Medellin Psychologie studieren, diskutiert er über einen Workshop, der Schülern helfen soll, mit Konflikten umzugehen. „Wir wollen, dass sie die Konflikte nicht mit Gewalt und Schlägereien lösen, so wie sie es gewohnt sind“, sagt eine von ihnen. „Wir wollen die Jugendlichen auf Trab halten, damit sie keine Zeit haben, nur herumzuhängen“, ergänzt Mantilla. „Hier gibt es keine Möglichkeit, zu studieren, keine gute Ausbildung, wir informieren sie deshalb über Stipendien.“

Auch die Ex-FARC-Mitglieder, viele von ihnen junge Männer, sollen ihre Gewehre gegen Bildung tauschen. „Die FARC war die Autorität und hat das Gesetz gemacht, mit dem Gewehr“, sagt Mantilla. „In den Camps werden sie jetzt weitergebildet, sie sollen in die Gesellschaft integriert werden – 55 Prozent von ihnen kann weder lesen noch schreiben.“ Es sind kleine Erfolge, die ihn motivieren: Zwei junge Frauen haben gerade Stipendien für Kuba erhalten, sie werden dort Medizin studieren. Es hängt aber auch von der Gesellschaft ab, ob sie die Ex-Guerilleros aufnehmen werden – obwohl die Narben vom Krieg noch frisch sind. Bei der Volksabstimmung über den Friedensvertrag 2016 haben zwei Drittel von den Wählern aus Ituango für den Frieden gestimmt. Aber nur ein Viertel der Bewohner hat überhaupt an der Wahl teilgenommen.

„Ich verstehe, dass nicht alle verzeihen können, manche haben eines oder mehrere Familienmitglieder verloren“, sagt Mantilla. „Es ist ein Prozess: Die Leute müssen trauern, aber die, die nicht loslassen, werden Hass im Herzen entwickeln.“ Es ist ein Thema, das für ihn sehr persönlich ist. Er zögert: „Ich selbst wurde auch von der FARC entführt.“ Es war das dritte Mal, das er in Ituango dem Tod entkam: Sie brachten ihn nicht um, aber er war ihnen ausgeliefert, lebte als Gefangener. Er sagt, dass er verziehen hat.

Von den 550 FARC-Kämpfern in Ituango, die die Waffen niedergelegt haben, sich auf den Frieden einlassen wollten, sind nur etwa 150 im Camp geblieben. Manche hatten keine Lust mehr, in den Demobilisierungscamps auf bessere Zeiten zu warten. Andere haben sich bewaffneten Gruppen angeschlossen. Und kämpfen nur noch für den Drogenhandel statt für eine bessere Welt. Doch außerhalb der bewachten Camps sind Ex-FARC-Kämpfer Freiwild. Im März 2018 wurde Róbinson Oquendo Sucerquia in Ituango ermordet, mit sechs Schüssen. Er war schon der fünfte Ex-Guerillero, der in Ituango ermordet wurde. Das Vakuum, das der Rückzug der FARC hinterlassen hat, füllen paramilitärische Truppen wie die Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC), auch „Clan del Golfo“ genannt, die an Drogenhandel und Ausbeutung der Naturressourcen, wie illegalen Minen, verdienen.

Der Ombudsmann von Ituango hat die Regierung alarmiert, dass die Gemeinde einem hohen akuten Risiko ausgesetzt ist: durch Bedrohungen, Schutzgelderpressung und Morde. Die Regierung hat zwar zur Verstärkung weitere Hunderte Soldaten nach Ituango geschickt, doch die Gewalt hält an. „Eine Granate, die durchs Fenster flog, hat vor kurzem eine Dreijährige getötet, sie hat fernsehgeguckt, boom“, sagt Luisa, eine 20-Jährige, die vor der Schule lehnt. „Ich hoffe, dass der Frieden kommt, denn mit all diesen Toten gerade, ist es schwierig.“ Ihr kommt die Kleinstadt wie ein Gefängnis vor. Die Frauen streiten sich um die Männer, die sich gegenseitig prügeln, erzählt sie. „Ich vertraue auf gar keinen – es gibt komische Leute hier, nachts habe ich Angst, allein rumzulaufen“, erzählt Luisa. „Man weiss nicht mehr, wer wer ist.“ Sie würde gern nach Medellin gehen, dort als Friseurin arbeiten.

Solange es nicht mehr Chancen vor Ort gibt, sind die Ituanginos gezwungen, zu gehen – oder so weiterzumachen, wie zuvor. Die Regierung versucht die Bauern aus Ituango zu überzeugen, am Kokaersatzprogramm teilzunehmen. Sie werden finanziell unterstützt, wenn sie ihre Kokafelder roden, legale Pflanzen wie Kaffee oder Kakao anbauen. Doch in den vergangenen Monaten wurden immer wieder Bauern bedroht oder sogar ermordet, die aussteigen wollen. „Für die Bauern ist es ein schlechter Deal, mit dem Kokaanbau aufzuhören“, sagt Adrian Caramecho, der aus einer Bauernfamilie kommt. „Koka existiert hier vielleicht seit 30 Jahren und wir leben damit, es ist Alltag für uns.“ Der 27-Jährige würde gern studieren, sich spezialisieren: „Aber wenn ich arbeite, kann ich nicht studieren, wenn ich nicht arbeite, kriege ich aber auch kein Essen, und dann bin ich im Arsch.“ Caramecho arbeitet gerade für ein Aufforstungsprojekt, sie pflanzen Bäume, gleichen die Naturschäden aus, die die Bauarbeiten für das Wasserkraftwerk „Hidroituango“ hinterlassen haben – ein Mammutprojekt, dass der Region wirtschaftlichen Aufschwung bringen sollte, Tausende von Jobs. „Das Wasserkraftwerk bringt einige Vorteile für die Region, der Gemeinde fließen deswegen gerade mehr Mittel zu, die Politik profitiert also davon“, sagt Caramecho. „Was hier aber fehlt, sind Proteste und Kritik am Bürgermeister und am Rathaus – denn wenn niemand Hilfsmittel fordert, dann versickert das Geld.“ Die Bauern hätten keine Zeit zu protestieren, weil sie arbeiten müssten. Und wer protestiert, lebt gefährlich. Zwei Umweltaktivisten wurden vor kurzem erschossen.

Doch selbst die Zukunft des Wasserkraftwerks ist ungewiss. Mehrere Milliarden sind in das Projekt geflossen, für November 2018 war die Eröffnung geplant. Jetzt wurde die Baustelle geflutet, der Fluß steigt immer weiter an, zehntausende Bewohner aus umliegenden Siedlungen mussten ihre Häuser verlassen. Gegen die Betreiberfirma EPM laufen Ermittlungen wegen Korruption. Das Wasser steht Ituango bis zum Hals.

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