Lizenz zum Töten

Polizei und Todesschwadronen haben im Drogenkrieg auf den Philippinen mehr als 12.000 Menschen ermordet. Die Gewalt trifft vor allem die Armenviertel – und zerstört die Gesellschaft, ohne das Problem zu lösen.

Von Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl

Manila – Antonio B. hörte seinen Mörder nicht. Er trug Kopfhörer, hörte Musik, auf einer Matratze neben der Tür, als ihn zwei Schüsse direkt in den Kopf trafen. Seine Frau war gerade im Badezimmer, sie sah nur die Hand des Mörders, die die Pistole hielt, das Gesicht war vermummt – dann flüchtete der Mörder mit seinem Komplizen, der draußen Wache gestanden hatte.

Auch Linda B. hatte die beiden Schüsse gehört, war aufgeschreckt, als sie um sieben Uhr morgens durch die Armensiedlung Bagong Silangan peitschten, ein paar Häuserblöcke weiter entfernt. Dass es ihr Sohn war, den die Kugeln trafen, erfuhr sie erst später. Antonio B. war sofort tot.

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Zwei Kugeln, keine Antworten: Antonios Familie bleibt nur ein Bild (Foto: Julia Jaroschewski/BuzzingCities Lab)

Er starb am 11. Juli 2016, knapp zwei Wochen, nachdem Präsident Rodrigo Duterte an die Macht gekommen und den Drogenkrieg ausgerufen hatte. “Wer einen Junkie kennt, soll losgehen und ihn töten”, so Duterte. Innerhalb von sechs Monaten wollte der Hardliner mit den Drogen in seinem Land aufräumen. Antonio B. war das erste Opfer des Drogenkriegs in Bagong Silangan in Quezon City, in der Metropolregion von Manila. Das war, bevor das Morden zum Alltag wurde und “EJK”, kurz für “extrajudicial killings” zu einer Abkürzung, die hier jeder kennt. Mehr als 4.500 Menschen sind in den letzten zwei Jahren laut der philippinischen Nationalpolizei getötet worden, nicht nur von Polizisten. Auch Killerkommandos machen Jagd auf mutmaßliche Drogenhändler. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass mindestens 12.000 Menschen gestorben sind.

Von Antonio B. ist nur ein Bild geblieben, ein ausgeblichenes Portrait auf einem kleinen Altar, das von einer Kerze angeleuchtet wird. “White” wurde er von seinen Freunden und der Familie genannt, weil seine Haut so dunkel war. Ein Witz. “Mein Bruder war immer lustig. Wenn ich ihn vermisse, denke ich an all die schönen Erinnerungen”, sagt seine 38-jährige Schwester Lenny. Sie kauert in der Steinhütte der Familie auf dem Sofa und ringt nach Fassung. “Wie ich mit meinem Bruder gelacht, Witze gemacht habe…” Ihre Stimme versagt.

Seine Kleidung, die Uhr, hat Mutter Linda in den letzten Winkel des Hauses verbannt – weil sie es nicht erträgt, seine Sachen zu sehen, weil es zu weh tut, den Geruch zu riechen.

Acht Menschen leben in der kleinen Hütte, die in einer schmutzigen, engen Gasse des Viertels liegt: Neben Linda, der Mutter, auch noch der Bruder, Lenny und ihre Familie, ihre 16-jährigen Töchter. Das acht Wochen alte Baby von einer der Töchter liegt auf dem Bett. Vier Generationen teilen sich die paar Quadratmeter, getrennt durch Vorhänge und Spanplatten. Das einzige Fenster ist von einem Stahlgitter geschützt. Draußen trommelt der Regen auf das Dach, deshalb hängen die Bügel voll nasser Wäsche unter der Decke. Die Kuscheltiere am Wandschrank sind in Plastik verpackt, damit sie trocken und sauber bleiben. Am Altar mit den Jesusbildchen betet die Mutter zu Gott, dass sie den Mörder finden.

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Antonio B. war das erste Opfer des Drogenkriegs in Bagong Silangan in Quezon City – bis heute weiß die Familie nicht, wer die Täter waren (Foto: Julia Jaroschewski/BuzzingCities Lab)

Bis heute weiß die Familie nicht, wer der Täter ist. Dabei gibt es im Viertel Überwachungskameras. Doch die Verwaltung der Siedlung hat keine Ermittlungen aufgenommen. Der Polizei traut die Familie ohnehin nicht. Die Witwe von Antonio B. hat Bagong Silangan 40 Tage nach dem Mord mit ihrer Familie verlassen. “Wir wissen bis heute nicht, wo sie ist”, sagt Lenny. “Vielleicht hat sie Angst, zurückzukommen. Vielleicht will sie einfach nur vergessen, was meinem Bruder passiert ist – sie hat gesehen, wie er gestorben ist.” Vielleicht hat sie auch mehr gesehen. Wer Zeuge ist, wird leicht selbst zum Ziel.

“Wenn du hier einen Prozess führen willst, brauchst du Geld und Zeit – wir haben beides nicht. Gerechtigkeit ist zu teuer und wir haben Angst, dass sie sich an uns rächen”, sagt Mutter Linda. Die Opfer des Drogenkriegs sind auf den Philippinen nur eine Nummer, jeder Toter einer mehr, der ausradiert wurde, weil er der Gesellschaft geschadet haben soll. Das ist zumindest die offizielle Version: Dass es sich bei den Toten um Drogenabhängige, Dealer, Kriminelle handelt, die sich gegen die Festnahme gewehrt haben.

“Mein Bruder war kein Drogenabhängiger”, beteuert Lenny. “Er arbeitete für die Gemeinde, jedes Jahr machen sie einen Drogentest. Vielleicht hat er vorher mal Drogen genommen, aber seit er für das Viertel gearbeitet hat, hat er nichts mehr genommen.”

Im Juli 2018 wäre Antonio B. 54 Jahre alt geworden. Sein Name ist der erste auf der Liste, durch die Priester Gilbert Billena blättert, in der Küche des Kirchengebäudes von Bagong Silangan. In der Exceltabelle stehen Namen, der Todestag, Alter, Ort. Es sind Daten, hinter denen unvorstellbare Taten stehen: ein Massaker an vier jungen Männern. Gina, die zusammen mit ihrem Mann erschossen wurde, und schwanger war. Ein Ehepaar, das vor den Augen der sieben Kinder getötet wurde. Allein in Bagong Silangan wurden 37 Menschen umgebracht. “Ein paar Tage, nachdem Duterte an die Macht kam, begannen die ersten Morde”, erzählt der Priester. Seit vier Jahren lebt er in Bagong Silangan und predigt für die 135.000 Bewohner. Von Drogen und Drogenabhängigkeit hatte der Priester erst nicht viel Ahnung, obwohl sie hier verbreitet sind – die Mordserie machte sie zu seiner Mission. Billena besucht Familien wie die von Antonio B. und dokumentiert die Morde. Er prangert das Töten in Predigten an. Und Drogenabhängige finden in der Kirche einen Zufluchtsort.

So wie vor ein paar Tagen, als der Sohn eines Gemeindemitgliedes nachts in den oberen Stock des Kirchengebäudes kletterte, in das Schlafzimmer des Priesters. “Sie wollen mich töten, ich habe solche Angst um mein Leben”, jammerte er und flehte um Schutz, so berichtet es Priester Gilbert. Shabu, wie Crystal Meth hier heißt, hat ihn in Panikzustände versetzt. Außerhalb der Kirchenmauern sind Drogennutzer vogelfrei. Dass der Priester den Abhängigen hilft, missfällt Staat und Polizei: “Doch wir müssen unseren Job machen, für die Menschen eine moralische Instanz sein.”

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Krieg gegen die Armen: Filipinos quer durch alle Gesellschaftsschichten konsumieren Drogen wie “Shabu”, Crystal Meth – ermordet werden vor allem die Armen (Foto: Sonja Peteranderl/BuzzingCities Lab)

Als die Morde losgingen, klopften die ersten Drogenabhängigen an die Tür der Kirche. Die Sorgen der Betroffenen und die Gewalt der Polizei brachten Billena dazu, ein Community-Entzugsprogramm zu entwickeln. In der Kirche erhielten die Abhängigen Aufgaben und “psycho-spirituelle” Unterstützung. Zwei bis drei Monate erhielten sie Unterschlupf. So wollte Billena weitere Morde verhindern. “Wenn ich eine Sirene höre oder Blaulicht sehe, denke ich sofort, es ist wieder jemand ermordet worden”, sagt er. Die Traumatisierung der Helfer steigt mit jedem neuen Fall, ans Aufhören denkt er dennoch nicht: “Ohne die Kirche gäbe es hier viel mehr Morde.”

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Die Kirche ist im Drogenkrieg zum Zufluchtsort geworden – Priester Gilbert Billena hilft Drogenabhängigen und gewährt ihnen Unterschlupf (Foto: Sonja Peteranderl/BuzzingCities Lab)

In seinen Predigten klagt Gilbert Billena den Staat an, er predigt, dass Abhängige Hilfe benötigen, dass ihre Krankheit heilbar ist, Morde nicht die Lösung sind. Anfangs dachten viele in der Gemeinde, dass es meist die Richtigen trifft. Drogenabhängige werden in der philippinischen Gesellschaft kriminalisiert, Duterte hetzt mit seiner Kampagne gegen sie, als seien sie Abschaum, von dem das Land sich reinigen muss. Auch ihren Familien haftet der Makel an. Schuldgefühle führen oft dazu, dass Familien die Morde hinnehmen, manche sogar glauben, der Drogenabhängige in der Familie hätte den Tod verdient. In der Gemeinde trauen sie sich über ihre Sorgen und Ängste zu reden. Priester Gilbert Billena geht in die Familien der Angehörigen, klärt in Gruppen auf, wie das Leben nach den Morden weitergehen kann und unterstützt die Familien, indem er Lebensmittel und Kleiderspenden verteilen lässt.

“Früher habe ich die Drogen gebracht, heute bringe ich Reis”

Familien sind der Kollateralschaden in Dutertes Drogenkrieg. Die meisten Opfer sind männlich und arm. Mit ihrem Tod verlieren Witwen den Lebensunterhalt, Waisen sind auf sich allein gestellt. Auch Antonio hat die Familie mit seinem Gehalt als Gemeindearbeiter unterstützt. “Wenn mein Bruder Geld hatte, hat er uns Geld abgegeben”, sagt seine Schwester Lenny. Er kaufte Medizin für die Mutter, brachte Lebensmittel vorbei. “Wenn Antonio einen Fisch hatte, hat er ihn immer geteilt”, sagt die Mutter über ihren Sohn. “Wenn ich ihn nach Kaffee gefragt habe, hat er noch Brot mitgebracht.” Jetzt fehlt nicht nur der Sohn und Bruder, sondern auch sein Einkommen.

Jetzt ist es Ricky (Name aus Sicherheitsgründen geändert), der die Familie versorgt. Er reicht der Mutter eine schwarze Tonschale mit Reis. Der 61-Jährige hilft im Auftrag der Kirche den Opfern des Drogenkriegs. Dabei hätte er selbst leicht zum Opfer werden können. “Früher habe ich die Drogen gebracht, heute bringe ich Reis”, lacht er, als sein abgegriffenes Mobiltelefon mehrmals piept. Ricky ist mit Gott clean geworden. Als er einen Enkelsohn bekam, wollte er sein Leben verändern. “Vielleicht hat Gott mich eingeladen, hierzubleiben, damit ich etwas verändern kann”, sagt er.

Als Teenager rauchte er Marijuana, nahm “Downers”, Beruhigungsmittel – bis Shabu sich verbreitete, Crystal Meth, “das Kokain der armen Leute”. “Es ist ein Booster und auf den Philippinen gibt es so viele arme Leute, die etwas brauchen, um sich aufzuputschen”, sagt Ricky. Er arbeitete als Maler, mit seinen Kumpels strich er nachts die Shopping-Mall, von 11 Uhr nachts bis 6 Uhr morgens – Shabu half dabei. Die Droge pusht auch Bauarbeiter, Rikschafahrer, Callcenter-Mitarbeiter, Studenten und selbst Rechtsanwälte, stundenlang durchzuhalten. Als er noch dealte, zählten selbst Buchhalter und Regierungsmitarbeiter zu Rickys Kunden.

Bagong Silangan ist umgeben von wohlhabenden Wohnsiedlungen, deren Bewohner im Armenviertel ihre Drogen einkaufen. “Alle nehmen Shabu – aber nur die Armen werden ermordet”, regt sich Ricky auf. “Bei den Armen brechen sie einfach die Türen der Häuser auf, weil sie wissen, dass sie keine Gegenwehr leisten, sie haben keinen Mut, für ihre Gerechtigkeit zu kämpfen und kein Geld.”

Der Drogenkrieg ist keine Lösung, nur eine Schockstrategie: “Duterte killt die Dealer und Drogennutzer, um die anderen zu disziplinieren”, sagt Ricky. Aber ob sich tatsächlich etwas verändert? Nur eines: Statt auf offener Straße wird jetzt heimlich gedealt. “Bis heute gibt es so viel Angebot und so viele Drogenabhängige, und in der Polizei gibt es viele, die den Drogenhandel beschützen”, so Ricky. Vielleicht sei Antonio B. auch zum Verhängnis geworden, dass er von den schmutzigen Drogendeals von Polizei oder Politik wusste, mutmaßt er.

Manchmal gibt es für Morde nur einen Grund: Polizisten müssen Quoten erfüllen, sie erhalten ein Kopfgeld, wenn sie töten – auch unschuldigen Bürgern werden im Nachhinein Drogen oder Waffen untergeschoben. Bei seiner Rede an die Nation im Juli 2018 hat Präsident Duterte angekündigt, dass der Drogenkrieg weiter gehe: “Der Krieg ist noch lange nicht vorbei”, drohte er. “Er wird so unerbittlich und abschreckend sein, wie an dem Tag, an dem er begann.”

Die Justiz ist überlastet und langsam, viele Anwälte wollen keine Opferfamilien vertreten, weil die Fälle zu brisant sind. “Das Klima der Angst beeinträchtigt die Menschen in den Armenvierteln – sie suchen Schutz und fordern unsere Hilfe an, weil sie nicht wissen, ob sie die nächsten sind”, sagt Leah Tanodra-Armamento von der philippinischen Menschenrechtskommission CHR. “Der Drogenkrieg gerät völlig außer Kontrolle, weil er dem Gesetz nicht folgt.” Befehle von Duterte wiegen mehr als Haftbefehle, Verdächtige werden ohne Prozess umgebracht. “Wenn der Präsident sagt, dass mehr Menschen sterben sollen, dann sterben mehr”, so Armamento. “Die Polizei ermordet die Verdächtigen und rechtfertigt es als legitime Polizei-Operation oder Selbstverteidigung.” Ein Verdacht oder Vorwurf, dass jemand Drogennutzer sei, reicht als Todesurteil.

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Warten auf Gerechtigkeit: Antonios Mutter fühlt sich nicht mehr sicher nach dem Mord – trotzdem fordert sie Aufklärung (Foto: Julia Jaroschewski/BuzzingCities Lab)

Bilder aus Überwachungskameras zeigten, wie Polizisten im Herbst 2017 den 17-jährigen Kian Loyd delos Santos in eine Gasse schleppten. Dort töteten sie ihn, schoben ihm eine Waffe unter. Sie behaupteten, er sei drogenabhängig gewesen und habe sich gewehrt. Kian war ein Student. “Niemand kann sich sicher fühlen, die Regierung will Angst verbreitet und selbst Kinder werden wie Kriminelle behandelt”, sagt der 22-jährige Jay aus Bagong Silangan. Er studiert Sozialwissenschaften, interessiert sich für Politik statt für Drogen – doch das schützt ihn nicht. “Die Polizei verhaftet Menschen, ohne sie anzuhören”, sagt er. “Schüler waren um 23 Uhr auf dem Heimweg vom College und auch 20 Jahre alte Arbeiter wurden festgenommen, ohne weiteren Grund oder Anhörung, weil sie einfach nachts herumgelaufen sind, nachhause wollten.” Die Polizei verhängte eine Ausgangssperre in Bagong Silangan.

Die Familie von Antonio B. meidet sowieso die Dunkelheit, abends verlassen sie das Haus nicht mehr. Sobald es dunkel wird, wird die Mutter nervös und schließt die brüchige Holztür. Den Hund, der ihr jetzt zu Füßen liegt, soll vor Eindringlingen warnen. Es hilft ein bisschen, dass sich so viele Menschen in der kleinen Hütte drängen. „Wir fühlen uns sicherer, wenn wir zusammen sind, aber die Angst geht nicht weg”, sagt Lenny. “Wir vertrauen niemandem mehr, wir hoffen nur, dass es irgendwann Gerechtigkeit für all diese Opfer gibt.“

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